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Berliner Sommer: Touristen auf dem Fahrrad

Touristinnen mit Fahrrad Berlin Friedrichstraße

Zum Berliner Sommer gehört das Fahrrad wie der Petersdom zu Rom. Das denken sich offenbar auch viele Menschen aus Kansas und Paris und lassen die Kassen der Unternehmen klingeln, die rent a bike im Namen tragen. Fahrradvermietung ist “in” in Berlin – und gehört für den von Lonely Planet gebrieften Touristen offensichtlich zum Standard-Berlinprogramm. Dumm nur, dass der Reiseführer nicht erwähnt, dass ein Fahrrad kein Rollator ist und auch nicht ganz selbsterklärend funktioniert. Noch dümmer, dass es weder die Fahrradvermietung noch den touristischen Fahrradfahrer zu stören scheint. Von den Verkehrsregeln zu sprechen wäre ohnehin überflüssig, denn die allermeisten Halbtagskräfte auf dem Fahrrad in Berlin haben schon ziemlich Mühe, sich auf den Dingern zu halten. Warum sie sich dann stets auf Straßen wie der Friedrichstraße (also vielbevölkert mit anderen Touristen mit und ohne Fahrrad) erproben müssen, bleibt ihr Geheimnis. Der Residenzberlinerin bleibt das zum Glück in der Regel erspart, denn wer in Berlin dauerhaft lebt, wird die Friedrichstraße kaum zu Gesicht bekommen.

Berlin Friedrichstraße

Es sei denn, er gehört zu den Unglücksraben, die in den umliegenden Büros Dienst tun oder die touristischen Flaneure mit überteuerten Kaffeespezialitäten und penetrant riechenden Badeschäumen versorgen müssen. (Die auf dem Foto sichtbare Discountertüte kann der junge Mann nur mitgebracht haben, denn auf der Friedrichstraße ist definitiv kein Platz für Grundversorgung.) Da aber auch Residenzberlinerinnen manchmal an der Friedrichstraße zu tun haben, erleben diese bei ihrem Stadtspaziergang endlich mal, wie der gewöhnliche Tourist Berlin so sieht – und was er für Bilder mit nach Hause nimmt, wenn er aus Berlin wieder nach Hause fährt. Und das sind Fahrräder und Fahrradfahrer, vor allem solche, die es werden wollen. Vorsicht ist dringend geboten, wenn die Kolonnen dann erst einmal anrollen, am besten gleich in den nächsten U-Bahnhof retten. Sonst wird es eng.

Fahrrad Berlin Friedrichstraße

Liebe Berlinerinnen und Berliner, meidet im Berliner Sommer die Mitte, wenn euch euer Leben lieb ist. Und wem es das nicht ist, der kann ja in seinem Urlaub in Paris einfach mal ein Auto ausleihen und endlich mal das Einparken lernen. So für das echt touristische Berlin-Gefühl in Paris. Lebenslanges Lernen macht am meisten Spaß unterwegs. Fragt eure Gäste.

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Petition: Erhalt des Flohmarkts im Mauerpark

Ich habe mich schon lange gewundert, wieso das neureiche Bürgertum in den angrenzenden Kiezen den Flohmarkt im Mauerpark in seiner abgeranzten Rotzigkeit noch immer toleriert. Zumal die Straßen rund um den Park jeden Sonntag in einen absoluten Ausnahmezustand versetzt werden.

Schon als es um den Entzug der Auftrittsmöglichkeit von Joe Hatchiban und seiner mobilen Karaoke-Anlage ging, hat sich ja gezeigt, auf wessen Seite der Bezirk Pankow steht und welche Weitsicht man hier walten lässt. Wer sich nicht erinnert: Der Bezirk entzog Hatchiban die Spielerlaubnis bis auf zwölf Sonntage im Jahr (!), die im Frühjahr festzulegen waren (also ohne Rücksicht auf Wetter etc), was im Klartext das Ende der Veranstaltung bedeutet hätte. Und wunderte sich dann, warum vom Tagesspiegel bis zum Guardian Pankow auf einmal in aller Munde war. (Negativ.)

Jetzt hat der Besitzer des Geländes, auf dem der Flohmarkt seit 10 Jahren stattfindet, den Betreibern den Mietvertrag gekündigt. Dass da wohl nicht alles ganz astrein gelaufen sein kann, sieht man daran, dass nun der Bezirk wieder mitmischt bei einer “Neuvergabe”. Die Interessen des Vermieters und des Bezirks dürften da wohl Hand in Hand gehen. Der eine will mehr Geld, der andere denen mit Geld entgegenkommen. Und beiden kann wohl nichts besseres passieren, als dass alle Seiten so lange herumstreiten, bis kein Mensch mehr Bock auf den Sch… hat und mit den Schultern zuckt, wenn an die Stelle ein weiteres Shoppingcenter im schweinchenrosa Monsterstyle (Alexa du mein Albtraum) kommt.

Was der Bezirk mal wieder vergessen hat: Berlin ist bei Lichte betrachtet eine hässliche Stadt, die es in den vergangenen 20 Jahren geschafft hat, sich von den schlechtesten Architekten der Welt noch viel hässlichere Architektur in jede Ecke kleben zu lassen. Vom Führerbunker und der Mauer abgesehen gibt es nicht besonders viel Geschichte, und auch wenn die aktuellen ZDF-Produktionen etwas anderes suggerieren: Davon kann man nicht ewig zehren. Freundlichkeit ist hier so häufig zu finden wie schmackhaftes Brot oder gut angezogene Menschen. Warum zum Teufel sollten also Touristen nach Berlin kommen, wenn Berlin nicht mehr abgeranzt und “kreativ” und “anders” ist? Wenn ihr aus dem Flohmarkt ein von Flohmarktprofis betriebene Version des Münchner Viktualienmarktes gemacht habt? Den schauen sich die Japaner, Chinesen, Russen doch lieber in München an, da schmeckt auch das Essen besser als in Berlin. Das Bier sowieso. Und die Schlösser sind echt und nicht aus Beton gegossen.

Wer also auch in Zukunft Touristen in Berlin haben möchte und wer will, dass auch im kommenden Jahr noch solche Fotos gemacht werden können und wer wie ich am Sonntag einfach gern im Mauerpark ist, der unterschreibe diese Petition auf change.org.

Bitte weiterleiten! Vielleicht ändert es nichts. Aber nur rumsitzen hilft nie.

Berlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktBerlin Mauerpark FlohmarktP8035681

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Salve dir China

Es gibt ja viele Leute, die über China und die Chinesen meckern, besonders gern dann, wenn sie noch nie da waren und Chinesen nur aus dem (von Vietnamesen betriebenen) örtlichen Lokal namens “Große Mauer” oder wahlweise auch (in seiner kecken Variante) “Wok&Roll” kennen. Natürlich sind es dann stets die “Menschenrechte”, die ins Feld geführt werden, die wundersamer Weise aber kein Problem mehr darstellen, wenn es um das neueste ich-Phone oder die Shopping-Tour bei Hasi, Mausi und Konsorten geht.

Doch zum Glück ändern sich in China die Zeiten so schnell wie in den einschlägigen Modehäusern die “made in China-Kopien” der Pariser Modenschauen.  Zum Glück für Berlin. Denn anders als nach der gängigen Annahme bestehen die 1,3 Milliarden Menschen nicht nur aus Wanderarbeitern, gelenkt von ein paar hundert Parteibonzen. Sondern auch einer ganzen Menge Menschen, die sich an einem westlichen Lebensstandard erfreuen, ohne dafür im Politbüro sitzen zu müssen. Wie gerecht es dabei insgesamt in diesem Land zugeht, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt, doch in Sachen Gerechtigkeit bekleckert sich Deutschland in letzter Zeit auch nicht unbedingt mit Ruhm, wenngleich die ich-Phone-Besitzer(innen) zu sehr mit ihrer unter bedenklichen Bedingungen hergestellten Neuerwerbung beschäftigt sind, um sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen.

Aber überlassen wir solche Philosophierereien den Damen und Herren der ARD, die dafür fürstlich entlohnt werden von meinen GEZ-Gebühren und wenden uns den wirklichen Segnungen des neuen Chinas zu: Denn die Chinesen retten derzeit mit ihren dicken Geldbündeln ein Urberliner Kulturgut, und dafür wollte ich schon lange einmal danke sagen.

Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, war der Kurfürstendamm, auch Ku’damm genannt in der damals Bald-wieder-Hauptstadt, ein Abbild westberliner Trutschigkeit, liebenswert in seiner 70er Jahre-Anmutung, aber irgendwie weit weg von dem, was ich mir unter dem “Goldenen Westen” so vorgestellt hatte. Das merkte der Goldene Westen dann wohl von allein, und ehe man sich versah, schlossen die Kinos wie auch die Edelboutiquen auf der auf Geheiß von Otto von Bismarck errichteten Prachtmeile. Die Kinos wurden später zu Ramschparadiesen der einschlägigen Provinzmädchen-Ausstatter, in die man mit 50 Euro hineingeht und sich einmal komplett einkleiden kann. (Und dass die Schnäppchen nur zwei Wäschen durchhalten, fällt auch keinem auf, da die Klamotten meist noch mit Preisschild dran in den Provinzmädchenschrank wandern, bis sie irgendwann im Altkleidercontainer oder bei 3-2-1- meins wieder entsorgt werden. Wobei letzteres durchaus auch der Profitmaximierung dienen kann, da aus mir unbegreiflichen Gründen Leute in diesem Land bereit sind, für diesen Plunder online am Ende mehr auszugeben als im Geschäft.)

Kurz, der Ku’damm befand sich ziemlich lange auf der “Rolltreppe abwärts”, wie ein sozialistisches Jugendbuch einst hieß, das den Niedergang eines Westberliner Jugendlichen im Drogensumpf beschrieb. Aber: Die Zeiten ändern sich, was auch für den Kurfürstendamm gilt, der in diesem Jahr 125 Jahre alt wird. Und das ist den zuständigen Werbebeauftragten schon seit Jahresanfang eine nicht endende Geburtstagsparty wert. (Gerade hat man alle Laternenpfahle mit Goldschleifen geschmückt, auch mal hübsch.)

Zu feiern gibt es allerhand, denn ungefähr vor zwei Jahren begann der Exodus, nämlich der aus der Friedrichstraße, wohin die “guten” Geschäfte nach dem Fall der Mauer wie die Lemminge entwichen waren. Inzwischen ist aber nicht nur der Prenzlauer Berg out (auch wenn sich das in südlichen Landsteilen noch nicht herumgesprochen hat), sondern insgesamt der Osten Berlin. Warum? Ganz einfach: Die Chinesen kommen.

Und die wollen nun mal keine Plattenbauten sehen, die sie zu Hause jeden Tag vor der Nase haben. Auch wenn die Plattenbauten erst in den letzten 10 Jahren erbaut wurden. (Und in China eher alte Häuser für „sozial schwach“ stehen.) Aber man hält es in China grundsätzlich mit der Tradition, wenn es ans Reisen geht (was Paris zu einem beliebten Reiseziel macht) und die Tradition, auch Mythos genannt, macht aus den Wörtern “Berlin” und “Kurfürstendamm” nun einmal ein seelenverwandtes Paar. Ein bisschen trutschig, ein bisschen glamourös,  ein bisschen von sich selbst beschwipst, und immer knietief im Dispo – so isses auf dem Ku’damm in Berlin. Für alle, die sich unter Berlins Prachtmeile nix vorstellen können: Einfach mal bei Hildegard Knef reinhören. Die hatte Zeit ihres Lebens Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm.

Jedenfalls stürmen die Chinesen die besseren Läden am oberen Teil des Ku’damms, nachdem sie den unteren Teil in jedem einzelnen Details mit ihren profifotografentauglichen Kameras für die Nachwelt und die Nachbarn auf die Speicherkarte gebannt haben. “Wir sprechen Chinesisch” steht deshalb nun inzwischen an jeder Ladentür von Gucci bis Chanel.

Das Gute daran: Auch der gemeine (und also finanziell höchstens für Kik ausreichend bestückte) Berliner hat etwas davon (denn der Senat scheut keine Kosten und Mühen, die neuen Stadt-Mäzene aufs Beste zu unterhalten), so wie beim “Magischen Open Air Spektakel”, der den Ku’damm für einen Abend in eine Fußgängerzone und die Berliner in gut gelaunte, fröhlich summende, kichernde Träumer verwandelte. (Schon letzteres für sich genommen eine magische Leistung.) Die Künstlergruppe „Plasticiens Volants“ vollbrachte mehr als ein Wunder, die schönen Bilder dazu stammen von Kulturprojekte/ Fabian Matzerath.

_AT_0091Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Layout 1

Danke, liebe Chinesinnen und Chinesen. Wo ai Zhōngguó. Wenn es euch nicht gäbe, hätten die russischstämmigen Berlinerinnen und Berlin ganz schön viel zu tun, dem Currywurstvolk ein wenig Glamour einzuhauchen. Weiter so, wir brauchen euch.

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