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Berliner Sommer: Vegetarisch für Anfänger

Dieser Sommer überrascht immer wieder. Standen heute die Wetterberichte unisono auf Dauerregen, wurde daraus ein heißer Sommertag mit Sonne satt. Weil der Berliner (und die Berlinerin) inzwischen offenbar mehr der App glaubt als dem eigenen Blick aus dem Fenster, waren wir am Morgen auf unserem Spaziergang von Kreuzberg nach Schöneberg quasi allein unterwegs. Von ein paar Touristen auf Kaffeesuche abgesehen. Wahrscheinlich gehören die zwei Espressobars in der Bergmannstraße, die um neun Uhr schon geöffnet hatten, Besitzern aus Sachsen-Anhalt. Auf dem Flohmarkt vor der Marheinekehalle jedenfalls begann man zehn nach neun erst mal, die Tischplatten vom Laster zu heben. Nur der Laden mit den Rauchwaren und den obligatorischen Berlin-Magneten hatte natürlich für die Gäste schon auf.

Berlin Kreuzberg Tante-Emma-LadenBerlin Kreuzberg SchaufensterBerlin Kreuzberg BlumenbeetBerlin KreuzbergBerlin Kreuzberg Grenze zu Schöneberg

Auch im Gleisdreieck teilten wir uns die Sonne bis zum frühen Nachmittag mit ein paar Nachwuchsmusikern am improvisierten “Bandstand” und zwei Hobbyeisenbahnern, die die Strecke für den Zug aus dem Technikmuseum absperrten. Irgendwann wurde es dann richtig voll, klar, umsonst & draußen. Skater, Jongleure, Radfahrer, Schlenderer und Frisbeewerfer – alle da. Auch die Promoter, die im Auftrag eines Telekommunikationsunternehmens, die eben diese Frisbeescheiben mit Werbung betackert unter die Menschen bringen sollten. Wir gehörten offenbar nicht zur Zielgruppe, denn die drei Hipster marschierten schnurstracks an uns vorbei. (Klar, Rotweintrinken im Park, da hat man wahrscheinlich nicht mal ein Handy. Den Rollator hatten wir im Gebüsch versteckt.)

Berlin Park Gleisdreieck Berlin Park Gleisdreieck Berlin Park Gleisdreieck Berlin Park Gleisdreieck

Um diesen faulen Sonnen-Sonntag zu krönen, spazierten wir noch zu unserem Lieblingsvietnamesen, mit rein vegetarischer Speisekarte – sehr lecker und in einer Gegend mit der wohl höchsten Yoga-Studio-Dichte Berlins eine Goldgrube auch mit sehr günstigen Preisen. (Gegen 16:30 war kaum ein Platz zu bekommen.) Die Gesundheitsapostelei überlässt man aber sympathischerweise der Kundschaft. Während die Köche draußen rauchten und den Kopf im Bierglas kühlten, holte sich die Bedienung mal rasch Pommes rot-weiß vom Türken nebenan.

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Poetry Slam mit David Hasselhoff

Ein Wohnsitz in der Berliner Innenstadt hat viele Vorzüge. Dazu gehört, dass man, aufgrund der Parkplatzsituation, in der Regel auch ein vorhandenes Auto so wenig wie möglich bewegt und mit der U-Bahn fährt. Dortselbst wird man bestens darüber informiert, was in der Stadt so los ist. Oder eben nicht. Was ich an einem Wochenende wie diesem zu schätzen wusste. Denn an einem sonnigen Wintertag bei strahlend blauem Himmel möchte ich raus. Und zwar ohne Nachrichten-Update.

Für selbiges ist die als “Partylinie” bekannte Strecke der U1 viel besser geeignet. Gestern jedenfalls unterhielten sich zwei junge Herren aus Süddeutschland, ihres Zeichens Hipster, sehr ausgiebig über Poetry Slam Standorte in der Stadt. Wo kann ich im Takt von zwei Haltestellen so ein Handbuch zum Für und Wieder der Etablissements der städtischen Dichtkunst sonst abrufen? Auch wenn natürlich die Bierqualität und die Erreichbarkeit mit der BVG erst mal im Vordergrund stand. Dafür erhielt ich eine weitere unschätzbare Info: Mutti rief nämlich an. Um zu fragen, ob der Junior David Hasselhoff gesehen habe, wie dieser seinem Mitreisenden und mir gleich lautstark verkündete. Nein, leider sei es zu voll gewesen und überhaupt, er habe sich dann für die “Berlinsche” (sic!) Galerie entschieden. (Die heißt Berlinische Galerie und ist trotz des zungenbrecherischen Namens und der etwas abgeschiedenen Lage sehr sehenswert.) Na ja, geben wir dem Neuberliner Kredit. Während ich noch grübelte, wieso um alles in der Welt der Hipster David Hasselhoff kennt (schließlich war er ja wohl noch ein Kleinkind, als der mit der roten Boje in der Hand am Strand langrannte), hatte der Mutti schon abgehängt. Um dann seinem Compagnon zu versichern, er wäre gern hingegangen, um “den mal voll zu verarschen”. So richtig hipsterironisch eben.

Heute morgen fand ich nun auch heraus, was Herrn Hasselhoff in die Teutonenhauptstadt getrieben hat, mitten im allertiefsten Märzwinter. Nämlich die Mauer. Die mal wieder weg soll, nur dass das Volk sie diesmal lieber behalten will. Selbst wenn es dafür David Hasselhoff braucht …

So schön sah es übrigens an diesem Wochenende kurz vor Sonnenuntergang bei uns im Kiez aus. Schade, dass Herr Hasselhoff nicht da war. Dieses Berlin wäre für ihn zumindest eins mit Neuigkeitswert.

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Der eigentliche Clou an dieser Geschichte ist aber: Heute morgen in der U3 habe ich den Hipster-Spannemann wiedergesehen. Auf dem Weg zur TU, so ziemlich am anderen Ende der Stadt. Berlin ist eben ein Dorf. Oder so.

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Tag des offenen Denkmals

Der Berliner lebt ja, anders als landläufig angenommen, in der Regel weder an einem Autobahnkreuz noch auf dem Potsdamer Platz. Auf letzterem lässt er sich eh nur sehen, wenn er Besuch aus der alten Heimat hat, also bestenfalls ein Residenzberliner ist. Ein Urgestein dieser schönen Stadt geht da nur Arm in Arm mit seiner Angetrauten hin, und auch nur zur Berlinale, sagt der Göttergatte. Der es ansonsten so wie die übrigen 25% der Stadtbevölkerung hält, die in Berlin geboren sind: Er bleibt nach Möglichkeit in seinem Kiez. Denn während es woanders heißt, so wie man sich bettet, so liegt man, sagt man in Berlin: Der Ort wo man wohnt entspricht dem eigenen Wesen. (Was nichts mit Geld zu tun hat, aber viel mit Lebensstil.) Der Wohnort als Bekenntnis sozusagen, der Kiez als Identität. Will heißen, wenn einen nicht durch marodierenden Easyjetset hervorgerufene horrende Mietsteigerungen wie derzeit in Kreuzberg vom Acker jagen, dann bleibt man als Berliner wo man ist. Kiez als Heimat 2.0.

Eine Ausnahme ist jedes Jahr der Tag des Offenen Denkmals, der inzwischen schon Wochenende des offenen Denkmals heißen müsste, es gibt in Berlin auch für den Berliner einfach zu viel zu sehen. Wie jedes Jahr hatte ich auch diesmal unsere Exkursionen akribisch geplant, doch anders als in den Vorjahren von Veranstaltungshäufung abgesehen. Du wirst immer mehr Berlin, nennt der Göttergatte das, was heißen will, man lehnt sich zurück und hofft, dass morgen auch noch ein Tag ist in der coolsten Stadt der Welt.;-)

Am Ende tourten wir durch das Villenviertel im Grunewald, das von Bismarck höchstpersönlich unter der Auflage genehmigt wurde, dass man für ihn bitteschön eine anständige Shoppingmeile in Berlin bauen solle. Weil den Grundstückseigentümern offensichtlich an der Erschließung des Grunewaldes gelegen war, ging das auch ziemlich schnell: In nur drei Jahren war aus Bismarcks ehemaligem Reiterpfad (aus der Stadt in den Grunewald) der Kurfürstendamm geworden. Sozusagen chinesisches Tempo im Gründerzeitstil.

Herbst 2011 005

Außerdem schauten wir uns die pittoreske Hufeisensiedlung in Britz an, die zeigt, dass Neukölln viel idyllischer ist als sein Ruf selbst in den wildesten Phantasien. Für einen Moment schwankte ich kurz, ob nicht doch ein Haus mit Garten das Richtige wäre – hielt zum Glück nur so lange an, bis ich bei uns um die Ecke vor meinem Lieblingscafe stand und mir vorstellte, wie man ohne Kaffeeausschank in Fußnähe zurechtkommen soll. So schön kann ein Liegestuhl im Garten gar nicht sein – auch nicht mit Tümpel am Ende des Blocks.

Herbst 2011 014  Herbst 2011 009

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