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Heimatkunde

Das ist der Titel einer der interessantesten Ausstellungen der letzten Jahre in Berlin. Obwohl ich zugegebenermaßen schon berufsbedingt etwas abgebrüht bin, was Kunst-Betrachtung angeht, insbesondere wenn diese in Form von Installationen (und also in der Regel verkopft) daherkommt, war ich wirklich bewegt. Ich habe zwei Stunden dort verbracht und noch nicht alles gesehen. (Merke: Gehe nicht mit anderen Menschen ins Museum, vor allem nicht mit Menschen ohne Stehvermögen.) Doch diese Ausstellung verdient jeden Wiederholungsbesuch. Selten habe ich solche intelligenten und gleichzeitig unterhaltsamen Reflektionen über den Nationenbegriff der Deutschen gesehen.

Ausgangspunkt der Betrachtungen der 30 beteiligten Künstlerinnen und Künstler ist das komplexe Gedankengefüge, das hinter dem deutschen Wort „Heimat“ steht. Vor allem, wer seinen Besuch aus dem Ausland mit diesem leicht ins Dröge (oder Polemische) abrutschende Thema auf anschauliche Weise bekannt machen will, sollte diese Ausstellung nicht verpassen. Sozusagen spielerisch wird auch das leidige Thema „Integration“ präsentiert. Mein Lieblingsobjekt dazu ist eine Arbeit, in der sich ein Dirndl in einen Gebetsteppich verwandelt und dieser sich wieder in die Tracht.

Vom etwas schulmeisterlich daherkommenden Präsentationsfilm nicht abschrecken lassen: Diese Ausstellung hat Humor, Grips und Herz. Ansehen!

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Busfahren als Lebensschule im Fach „Frust“

Derzeit empört sich das politische Establishment ja ziemlich lautstark über die „Mörderbande“, wie es im öffentlich-rechtlichen Sprachgebrauch heißt. Deren Opfer sind Menschen mit ziemlich unterschiedlichen Berufen, trotzdem wird ihr Tod immer noch frech unter „Döner-Morde“ zusammengefasst, was ja semantisch schon einen Hauch Unterwelt in sich trägt. Denn wer würde eine Mordserie, in der unter anderem eine Finanzbeamtin, eine Molkereifachverkäuferin und eine Briefträgerin zu den Opfern zählt, als „Steuer-Mord“ bezeichnen?

In einer Stadt wie Berlin, immerhin die Stadt, in der der Döner Kebab mit Kraut, also in seiner inzwischen weltweit verbreiteten Form erfunden wurde, lastete ich solch latenten Rassismus bisher höchstens einzelnen an. Dem Herrn, der mich „deutsche Schlampe“ schimpft, weil ich keine Zeitung von ihm kaufen will. Der Mutter, die nach 30 Jahren und neun Kindern kaum drei Brocken deutsch spricht und dann in der Elternversammlung per Handy ausgiebig in ihrer Muttersprache telefoniert. Oder den jugendlichen Aufschneiderbanden, die den Gehweg versperren und in der Gruppe Passanten in der U-Bahn angehen. (Alles selbst gesehen.) Das macht die Vorurteile natürlich nicht besser, denn schließlich gibt es auch genetische Deutsche, die im Privatfernsehen vor laufender Kamera ihre Kinder verprügeln oder ihre Ehefrauen aus Eifersucht mit dem Messer zu Tode bringen. Auch ziemlich alle in Deutschland gefassten Kindermörder der letzten Jahre hatten keinerlei „Migrationshintergrund“, von den zahllosen durch Erpresser-CDs aufgescheuchten Steuerhinterziehern mal gar nicht zu sprechen.

Wie ungerecht die Welt ist für jemanden, der diesen neudeutsch so vernebelnd gebrauchten „Migrationshintergrund“ besitzt, erlebte ich gestern in einem mäßig besetzten Linienbus. Man muss für Auswärtige erklären, dass regelkonform Busse nur über den Eingang beim Fahrer bestiegen werden können, damit der Fahrer die Tickets kontrollieren kann. Wenn der Bus voll ist, setzen sich die Kunden der Berliner Verkehrsbetriebe, kurz BVG, auch gern mal darüber hinweg und steigen hinten ein. Für Teenagerjungs gehört dieser Regelbruch auch sonst quasi zum guten Ton. Genauso verhielten sich gestern also drei Jungs, denen man nur beim genauen Zuhören anmerkte, dass sie Deutschtürken sind. Jedenfalls kreischte der Busfahrer durchs Mikro, sie sollen zu ihm kommen und den Fahrausweis präsentieren. (Wohl in der Hoffnung, sie hätten keinen BVG-Pass oder so.) Daran, dass sie der Aufforderung umgehend und ohne Maulen Folge leisteten, ließ sich leicht erkennen, dass es sich hier um ganz gewöhnliche Pubertätskandidaten handelt, die ansonsten gut erzogen sind.

Nun kriegte der Busfahrer wohl Oberwasser und sah die Stunde gekommen, sich für all die tatsächlich häufig vorkommenden und nicht selten gewalttägigen Pöbeleien von Jugendlichen mit nichtdeutschen Eltern zu rächen. (Ich gebe zu, Busfahrer bei der BVG ist ein wirklich nicht verlockender Job.) Einer der Jungs machte dann leider doch noch so einen Teenie-Spruch aus der Reihe: „Fahren wir jetzt weiter?“, ein anderer sagte zu seinem Kumpel: „Halil, der hat gleich einen ganz roten Kopf.“ Ich gehe mal zur Ehrenrettung des Busfahrers davon aus, dass er nicht wusste, dass Halil ein türkischer Name ist und möglicherweise dachte, der Knabe habe nicht mit dem einen über den anderen Buddy gesprochen, sondern ihn irgendwie beschimpft. Jedenfalls polterte es vom Fahrersitz durch den ganzen Bus (wir saßen auf dem Oberdeck): „Raus hier, aber pronto. Dit bestimme immer noch icke, wann wir los fahren und wer in meinem Bus mitkommt.“

Kommentarlos stiegen die drei aus. Was sie fürs Leben gelernt haben, kann man nur ahnen. Dass man in diesem Land nur als „Döner-Mord-Kulisse“ für die Profilierung von Politikern dienen darf? Dass sie in Istanbul nicht nur leichter einen Job finden als in Berlin, sondern wahrscheinlich ziemlich viel Kapital aus ihrer Zweisprachigkeit schlagen können? Vielleicht. Das mitgereiste Schlaubergerkind jedenfalls riess die Augen auf, als die drei Jungs so schweigend abzogen und sagte ganz laut: „Das ist echt nicht gerecht.“ Nein, ist es nicht. Das nächste Mal, wenn mich jemand als „deutsche Schlampe“ beschimpft, werde ich mich jedenfalls nicht mehr wundern. So macht man keine Heimat aus einem Land.

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Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch

Quelle: Kargo. SUHRKAMP Verlag, Frankfurt a.M. 1977

Bleiben will ich wo ich nie gewesen bin

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