Schlagwort-Archive: Einkauf

Ich werte, also bin ich

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Bewertungsportalen aller Art. Kein Bleistift kommt mir ins Haus, ohne dass ich nicht wenigstens versucht habe, irgendwo im Netz eine „Kundenmeinung“ dazu aufzutun. Was meine ohnehin vergleichsweise sparsam entwickelten Shopping-Ambitionen zudem im Zaume hält: Denn vor dem Lustkauf dieses sicherlich sehr nützlichen Elektrokleinteils im Angebot steht die Recherche. Und da ich mit meinem Telefon nicht mal telefonieren kann, wie man weiß, geht das nur old school, also zu Hause. Wo ich folgerichtig mit leeren Taschen ankomme. Und mit vollem Portemonnaie.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich dann doch einmal gekaufte Dinge auch stets bewerte: Wahlweise euphorisch (wenn sie funktionieren wie erwartet) oder vernichtend (wenn meine schöne Recherche für die Katz war.) Genauso verfahre ich mit Dienstleistern aller Art. Wenn sich der Weg zum mühsam ermittelten besten Döner Berlins gelohnt hat, gibt es volle Punktzahl. Wenn der Arzt, den ich nach Zufallsprinzip ausgesucht habe, mir nicht das Ohr abschneidet aus Versehen, auch. Die Abstufungen dazwischen sind klar definiert: Drei von fünf Punkten heißt bei mir: Ok für manche, aber für mich lieber nicht noch mal.

Nun gibt es Zeitgenossen, die vorgehen wie der von allen gehasste Physiklehrer in der Schule, der auch dem Klassenbesten eine Zwei gibt, „damit noch Luft nach oben ist“. (Und sich wahrscheinlich zu Hause einen Ast abfreut, wie pädagogisch clever er doch wieder ist.) Da wird ein Buch über den grünen Klee gelobt, man habe sich sehr amüsiert und könne das Buch durchweg empfehlen: Drei Punkte von fünf. Oder ein Fotostudio wird gepriesen für die tollen Fotos, die nette Betreuung, das kostenlose Foto als Zugabe: Vier Punkte. Natürlich kann man sagen, wurscht, der Text steht doch da. Aber leider schreit einen ja immer erst mal ein Durchschnittswert an. Und wer hat schon Zeit und Lust, alle 133 Bewertungen zu einem Angebot auf Divergenz von Inhalt und Wertung hin zu prüfen? Wenn ich nicht gerade das Hotel für meine Flitterwochen buchen will, interessiert mich das eher nicht.

Was treibt also Menschen dazu, einen Imbiss, in dem sie gerade den besten Döner der Stadt verputzen, noch während des Mampfens per smartphone (haha) dafür zu kritisieren, dass man da nicht schön sitzt, wenn man mit Freunden mal abhängen will? Oder die an einem Sternelokal nicht die Küche, sondern die Preise kritisieren. Oder manchmal nicht mal das, sondern einfach so drei Sterne hinhauen, weil „für jeden Tag ist das nichts“?

Noch undurchsichtiger sind allerdings die Kollegen (ja, es sind eigentlich immer Männer), die in Onlinewarenhäusern bei der Produktbewertung ausschließlich Liefertempo und Verpackungsqualität des Versenders analysieren. „Zu diesem Staubsauger kann ich nichts sagen, denn ich habe ihn gerade ausgepackt. Die Verpackung war super wie immer, und das Paket kam sehr schnell. Leider war ich erstmal nicht zu Hause und musste dann noch mal zur Post.“ (Was – logisch – zu mindestens zwei Punkten Abzug für den Staubsauger führt.) Sehr lustig fand ich neulich auch die Mädchenclique, die sich über ein Restaurant beschwerte, es stelle auf der Webseite Brunchbestandteile dar, die es dann doch nicht gegeben hat. „Nicht dass wir nichts Leckeres gefunden haben, aber wir haben uns auf xy gefreut.“

Lieber Herrgott, mach dass ich im nächsten Leben nicht als Dienstleister wiederkomme.

Getaggt mit , , , ,

Wir lieben lebensmittel

Das ist der aktuelle Slogan einer Supermarktkette, die in Laufnähe meiner Wohnung in einem Miniatur-Einkaufszentrum einen größeren Laden betreibt. In den dazugehörigen Spots präsentieren sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als Gedankenleser und reichen dem Kunden das Gewünschte im Affentempo. Leider arbeiten diese Damen und Herren alle woanders. (Wahrscheinlich hat Deutschlands bekanntester Discounter sie abgeworben, als er eine Etage unter den Lebensmittelfreunden eine Filiale geöffnet hat.) Deshalb betrete ich die Zweigstelle nur, wenn ich übermäßig viel Zeit habe oder sonst keine andere Möglichkeit sehe, an eine bestimmte Ware zu kommen. Das scheinen viele so zu handhaben, denn meistens hat die Kundschaft hier nur die Zutaten zu einem Single-Abendbrot oder wahlweise zu einem preisgünstigen alkoholischen Imbiss im Korb. Wocheneinkäufe machen hier nur ältere Damen, denen das Tempo der Kassiererinnen bei Deutschlands bekanntestem Discounter zu hoch ist.

Einkaufswagen Das Tempo der Lebensmittelfreunde jedenfalls ist mit gemächlich noch euphorisch beschrieben. Fünf Leute vor dir bedeuten locker 15 Minuten Wartezeit – ein Einkaufserlebnis in Zeitlupe. Umgerechnet auf den mit den Kleinstmengen im Wagen der Kundschaft zu erzielenden Umsatz ist das wohl die ineffizienteste Filiale des Konzerns. Wer nun dahinter eine nachbarschaftliche Wohlfühloase vermutet, wo die Kassiererin dich beim Namen kennt, der irrt: In keinem Laden im Kiez wird der Kunde so zusammengebellt. Oder wahlweise ignoriert. Gern zieht man das Marmeladenglas auch zweimal durch den Scanner, was kurios ist, denn wenn es nur drei Posten auf dem Kassenzettel sein dürften, ist das wohl eine neue Stufe von Dummenfang. Entschuldigungen sind ohnehin kein Teil des Firmenkonzepts, man würde sich als Kunde auch hüten, denn Nachfragen gehen auf Kosten der vier anderen Leute hinter dir.

Das Beste an diesem Laden ist aber sein Flaschenpfandrückgabesystem. Dafür wurden eigens zwei Automaten angeschafft, in das man sein Leergut einlegen kann und im Anschluss einen Zettel zieht, den man dem Kassenpersonal zur Verrechnung unter die Nase hält. So weit, so kompliziert. (Aber wenigstens eine Erklärung dafür, warum die ortsansässige Trinkerbrigade trotz der Preise sich hier mit Biernachschub bestückt.)  Leider nimmt einer der Automaten ausschließlich Einwegpfandflaschen an. Was die Schlange am anderen Automaten schon mal zur Blockade des Backwarenstandes ausufern lässt. Wenigstens erhält man so die Gelegenheit, in aller Ruhe die Tafel der Besten zu studieren, auf der monatlich die herausragenden Fachkräfte der Fleischtheke oder der Molkereiabteilung mit Foto gelobt werden für ihre Kundenorientierung.

Getaggt mit , ,

Salve dir China

Es gibt ja viele Leute, die über China und die Chinesen meckern, besonders gern dann, wenn sie noch nie da waren und Chinesen nur aus dem (von Vietnamesen betriebenen) örtlichen Lokal namens “Große Mauer” oder wahlweise auch (in seiner kecken Variante) “Wok&Roll” kennen. Natürlich sind es dann stets die “Menschenrechte”, die ins Feld geführt werden, die wundersamer Weise aber kein Problem mehr darstellen, wenn es um das neueste ich-Phone oder die Shopping-Tour bei Hasi, Mausi und Konsorten geht.

Doch zum Glück ändern sich in China die Zeiten so schnell wie in den einschlägigen Modehäusern die “made in China-Kopien” der Pariser Modenschauen.  Zum Glück für Berlin. Denn anders als nach der gängigen Annahme bestehen die 1,3 Milliarden Menschen nicht nur aus Wanderarbeitern, gelenkt von ein paar hundert Parteibonzen. Sondern auch einer ganzen Menge Menschen, die sich an einem westlichen Lebensstandard erfreuen, ohne dafür im Politbüro sitzen zu müssen. Wie gerecht es dabei insgesamt in diesem Land zugeht, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt, doch in Sachen Gerechtigkeit bekleckert sich Deutschland in letzter Zeit auch nicht unbedingt mit Ruhm, wenngleich die ich-Phone-Besitzer(innen) zu sehr mit ihrer unter bedenklichen Bedingungen hergestellten Neuerwerbung beschäftigt sind, um sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen.

Aber überlassen wir solche Philosophierereien den Damen und Herren der ARD, die dafür fürstlich entlohnt werden von meinen GEZ-Gebühren und wenden uns den wirklichen Segnungen des neuen Chinas zu: Denn die Chinesen retten derzeit mit ihren dicken Geldbündeln ein Urberliner Kulturgut, und dafür wollte ich schon lange einmal danke sagen.

Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, war der Kurfürstendamm, auch Ku’damm genannt in der damals Bald-wieder-Hauptstadt, ein Abbild westberliner Trutschigkeit, liebenswert in seiner 70er Jahre-Anmutung, aber irgendwie weit weg von dem, was ich mir unter dem “Goldenen Westen” so vorgestellt hatte. Das merkte der Goldene Westen dann wohl von allein, und ehe man sich versah, schlossen die Kinos wie auch die Edelboutiquen auf der auf Geheiß von Otto von Bismarck errichteten Prachtmeile. Die Kinos wurden später zu Ramschparadiesen der einschlägigen Provinzmädchen-Ausstatter, in die man mit 50 Euro hineingeht und sich einmal komplett einkleiden kann. (Und dass die Schnäppchen nur zwei Wäschen durchhalten, fällt auch keinem auf, da die Klamotten meist noch mit Preisschild dran in den Provinzmädchenschrank wandern, bis sie irgendwann im Altkleidercontainer oder bei 3-2-1- meins wieder entsorgt werden. Wobei letzteres durchaus auch der Profitmaximierung dienen kann, da aus mir unbegreiflichen Gründen Leute in diesem Land bereit sind, für diesen Plunder online am Ende mehr auszugeben als im Geschäft.)

Kurz, der Ku’damm befand sich ziemlich lange auf der “Rolltreppe abwärts”, wie ein sozialistisches Jugendbuch einst hieß, das den Niedergang eines Westberliner Jugendlichen im Drogensumpf beschrieb. Aber: Die Zeiten ändern sich, was auch für den Kurfürstendamm gilt, der in diesem Jahr 125 Jahre alt wird. Und das ist den zuständigen Werbebeauftragten schon seit Jahresanfang eine nicht endende Geburtstagsparty wert. (Gerade hat man alle Laternenpfahle mit Goldschleifen geschmückt, auch mal hübsch.)

Zu feiern gibt es allerhand, denn ungefähr vor zwei Jahren begann der Exodus, nämlich der aus der Friedrichstraße, wohin die “guten” Geschäfte nach dem Fall der Mauer wie die Lemminge entwichen waren. Inzwischen ist aber nicht nur der Prenzlauer Berg out (auch wenn sich das in südlichen Landsteilen noch nicht herumgesprochen hat), sondern insgesamt der Osten Berlin. Warum? Ganz einfach: Die Chinesen kommen.

Und die wollen nun mal keine Plattenbauten sehen, die sie zu Hause jeden Tag vor der Nase haben. Auch wenn die Plattenbauten erst in den letzten 10 Jahren erbaut wurden. (Und in China eher alte Häuser für „sozial schwach“ stehen.) Aber man hält es in China grundsätzlich mit der Tradition, wenn es ans Reisen geht (was Paris zu einem beliebten Reiseziel macht) und die Tradition, auch Mythos genannt, macht aus den Wörtern “Berlin” und “Kurfürstendamm” nun einmal ein seelenverwandtes Paar. Ein bisschen trutschig, ein bisschen glamourös,  ein bisschen von sich selbst beschwipst, und immer knietief im Dispo – so isses auf dem Ku’damm in Berlin. Für alle, die sich unter Berlins Prachtmeile nix vorstellen können: Einfach mal bei Hildegard Knef reinhören. Die hatte Zeit ihres Lebens Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm.

Jedenfalls stürmen die Chinesen die besseren Läden am oberen Teil des Ku’damms, nachdem sie den unteren Teil in jedem einzelnen Details mit ihren profifotografentauglichen Kameras für die Nachwelt und die Nachbarn auf die Speicherkarte gebannt haben. “Wir sprechen Chinesisch” steht deshalb nun inzwischen an jeder Ladentür von Gucci bis Chanel.

Das Gute daran: Auch der gemeine (und also finanziell höchstens für Kik ausreichend bestückte) Berliner hat etwas davon (denn der Senat scheut keine Kosten und Mühen, die neuen Stadt-Mäzene aufs Beste zu unterhalten), so wie beim “Magischen Open Air Spektakel”, der den Ku’damm für einen Abend in eine Fußgängerzone und die Berliner in gut gelaunte, fröhlich summende, kichernde Träumer verwandelte. (Schon letzteres für sich genommen eine magische Leistung.) Die Künstlergruppe „Plasticiens Volants“ vollbrachte mehr als ein Wunder, die schönen Bilder dazu stammen von Kulturprojekte/ Fabian Matzerath.

_AT_0091Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Magisches Open-Air-Spektakel am Ku´damm am Sonntag (04.09.2011) in Berlin . Fliegende Drachen , Fische , Voegel , Seeschlangen und ein gigantischer Happy Birthday Ku´damm - Heissluftballon lassen den Ku´damm am verkaufsoffenen Sonntag abheben .Layout 1

Danke, liebe Chinesinnen und Chinesen. Wo ai Zhōngguó. Wenn es euch nicht gäbe, hätten die russischstämmigen Berlinerinnen und Berlin ganz schön viel zu tun, dem Currywurstvolk ein wenig Glamour einzuhauchen. Weiter so, wir brauchen euch.

Getaggt mit , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: