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Berlinale: Kinderjury Generation

Berlinale Bär Haus der Kulturen der Welt

Die Berlinale in diesem Jahr war eine besondere für unsere ganze Familie: Das Schlaubergerkind war nämlich für die Kinderjury der Sektion Generation kplus ausgewählt, in der Filme für Kinder und Jugendliche gezeigt werden.

Berlinale Publikum Haus der Kulturen der Welt

Ich selbst habe mir auch einige ansehen können, so das unterhaltsame Feelgood-Movie von Robert Connolly, der schon zweimal mit einem Kurzfilm den Wettbewerb der Generation gewinnen konnte. Paper Planes erzählt die Geschichte eines Jungen im ländlichen Australien, der seine Leidenschaft für Papierflieger entdeckt und so einen Weg findet, seinem Vater zurück ins Leben zu helfen. Das ganze ist heiter, wenn auch einigermaßen vorhersagbar erzählt. Für Kinder ab 8.

Generation Haus der Kulturen der Welt

Von anderem cineastischem Kaliber ist “Confetti Harvest” von Tallulah Hazekamp Schwab. Unglaublich dicht erzählt der Film die Geschichte von Katelijne, einem etwa 12jährigen Mädchen, das in einem streng-protestantischen Umfeld aufwächst und um ihren eigenen Weg kämpft. Für mich ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale, auch wenn der Film leider keinen Preis gewonnen hat. Für Kinder ab 11, aber auch für Erwachsene. Die junge Hauptdarstellerin Hendrikje Nieuwerf muss man gesehen haben.

Gläserne Bären Wettbewerb Generation Berlinale

Die Hauptpreise, die Gläsernen Bären in den Kategorien Kurzfilm und Langfilm gingen dann zwar nicht an meine Favoriten, aber zeigten dennoch, dass man Kindern einfach nur etwas zutrauen muss. Anders als die Erwachsenenjury entschied sich die Kinderjury nämlich nicht für die leichten, lustigen Filme, sondern setzen auf starken Tobak.

Berlinale Generation Preisverleihung

Min lilla syster“ (My Skinny Sister) von Sanna Lenken ist ein Film über ein Mädchen, dessen Schwester an einer Esstörung erkrankt. Wer meint, das man das schon 1000 Mal gesehen hat, liegt falsch. So ungewöhnlich die Erzählperspektive des Films ist, so ungewöhnlich ist der Blick auf die Erwachsenen, die hilflos, aber auch sehr erfolgsfixiert und selbstbezogen gezeigt werden. Für Kinder ab 12. Zum besten Kurzfilm kürten die Kinder den irakischen Film „Hadiatt Abi“ (Gift of My Father) von Salam Salman, der von einem Jungen erzählt, der seine Eltern beim Blackwater-Blutbad in Baghdad 2007 verloren hat.

Mein persönlicher Favorit der Kurzfilme Generation kplus in diesem Jahr war der Film “The Face of Ukraine: Casting Oksana Baiul” von Kitty Green, der, wie ich erst später gesehen habe, in Sundance den Preis für den besten Kurzfilm Nonfiction gewonnen hat. Verdient.

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Berlinale: Rückblick auf Tage im Rausch

Berlinale Bär Potsdamer Platz

Die 65. Berlinale ist Geschichte, die Stadt ist zur Normalität zurückgekehrt: Und ich auch. Wie in jedem Jahr habe ich die 10 Tage in vollen Zügen genossen: Im Gegensatz zu den meisten meiner Mitmenschen kann ich dem Berliner Filmfest eine ganze Menge abgewinnen, und zwar nicht, weil ein paar Menschen mit dem Titel “Star” in Berlin mal kurz an der Kinotür anschlagen, um gleich darauf im Privatjet zum nächsten Event zu düsen. Der ansonsten so ziemlich hässlichste Platz der Welt (aka Potsdamer Platz) simuliert auf einmal so etwas wie Leben und der Friedrichstadtpalast wird zum gigantischen Kinosaal: Schon dafür muss man die Berlinale lieben. Und wann haben Sie zum letzten Mal in einem Kino applaudiert? (Mein Lieblingsmoment in diesem Jahr: “Szenenapplaus bei Singing in the Rain” – einem Film von 1952!)

Berlinale Friedrichstadtpalast

Meine Berlinale beginnt jedes Jahr am Montag vor dem Festival, wenn die ersten Karten verkauft werden. Wer noch nie in einer Berlinale-Schlange stand, kennt Berlin nicht. Hier kommen sie alle zusammen: Die Nervensägen, die Kulturpessimisten, die Auskenner, die Besserwisser, die Freizeit- und die Vollzeitkritiker, die Filmemacher und Filmverrückten. In diesem Jahr verkaufte man Karten auch im Audi-Autohaus auf dem Kurfürstendamm. Samt Türpagen und Freikaffee und einem durch und durch Berliner Anstehpublikum. Hier bekommt man die wirklich heißen Filmtipps für Filme, die man nie im Leben in Erwägung gezogen hätte. (Eine Dokumentation über ein afghanisches Militär-Bataillon oder den Animationsfilm “Schneewittchen” von 1937 zum Beispiel. Das waren die guten Ideen …) Man lernt allerdings die Menschen auch gleich von ihrer schlechtesten Seite kennen. Was bei der Berlinale gedrängelt, geschubst und geschoben wird, lässt mich einmal mehr hoffen, in Berlin nie eine Naturkatastrophe oder eine gewaltsame Situation erleben zu müssen.

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Edward Berger: Jack (2014)

Anders als der Trailer vermuten lässt, handelt es sich bei Edward Bergers „Jack“ nicht um ein Sozialdrama aus der Unterschicht, auch wenn die Erwachsenen in diesem Film fast alle in prekären Jobs arbeiten und im Kampf um das gute Leben zuweilen den Durchblick verlieren.

Ich habe den Film schon auf der Berlinale gesehen. Beim zweiten Mal wirkt er noch gewaltiger und kein wenig angestrengt, wie er mir noch im Februar schien. Trotz 103 Minuten Spiellänge habe ich mich beim zweiten Mal keine Sekunde gelangweilt. Das kommt bei mir sehr selten vor.

Der Film ist konsequent aus der Perspektive von Jack erzählt. Jack ist elf Jahre alt und muss auf seinen schmalen Schultern seinen kleinen Bruder und seine labile Mutter durchs Leben schleppen. Der Regisseur schickt ihn auf eine Reise durch Berlin, die filmunerfahrenen Zuschauern durch die stringente und zuweilen unbarmherzig erscheinende Erzählweise einiges zumutet. Dennoch oder gerade deswegen nicht verpassen. Weil sich der Film niemals wegduckt und weil der Darsteller des Jacks einfach großartig ist.

Durch die Perspektive des Films fällt es älteren Kindern leicht, sich mit Jack zu identifizieren. Warnung: Für Kinder unter 12 ist der Film nur extrem eingeschränkt geeignet. Die Altersfreigabe 6 ist ein Witz, und das nicht, weil der Film großzügig Sex und Drogen ins Bild setzt.

Ins Bild gesetzt wird auch Berlin. Und zwar endlich mal in einer Weise, die verrät, dass sich zumindest der Locationscout ziemlich gut auskennt in der Stadt. Den Fernsehturm habe ich kein einziges Mal gesehen, zumindest nicht bewusst.

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Berlinale Goldener Bär 2014: Feuerwerk am hellichten Tage (VR China)

Gestern im Sommerkino „Feuerwerk am hellichten Tage“ von Diao Yinan gesehen, der in diesem Jahr den Goldenen Bären für den besten Film auf der Berlinale erhalten hat. Hauptdarsteller Liao Fan wurde für seine Leistung als bester Schauspieler geehrt. Der Film war der Überraschungsieger, denn die gesamte Kritik und auch die Zuschauer gingen davon aus, dass „Boyhood“ von Richard Linklater das Rennen macht.

Was, nachdem ich den chinesischen Film nun gesehen habe, auch die richtige Entscheidung gewesen wäre. Allein für das enorme finanzielle und künstlerische Risiko, einen Film über 12 Jahre zu drehen und einzukalkulieren, dass er niemals gezeigt werden kann am Ende, sei es weil einer der Darsteller vom Bus überfahren wird oder der Hauptdarsteller beim Erreichen der Volljährigkeit schlicht der Ausstrahlung widerspricht.

„Feuerwerk am hellichten Tag“ jedenfalls ist vor allem eines: Eine Enttäuschung. Das könnte natürlich auch am Hype liegen, der um diesen Film nach Gewinn des Preises gemacht wurde. Wobei China-Freund Kosslick sicherlich das Seinige dazu beigetragen hat. Die Einführung, die durch eine Berlinale-Mitarbeiterin im Freiluftkino Friedrichshain gestern gegeben wurde, spricht jedenfalls Bände. Länglich schwärmte sie von ihren Besuchen in China (die wahrscheinlich direkt in eine Hipster-Bar in Shanghai führten) und betonte, wie sehr man am Film die Zensur erkennen könne. Wobei man sich nach Ansicht des Films fragt, was sie wohl damit gemeint haben könnte. Denn von bedenklichen Arbeitsbedingungen über Trunkenheitsprobleme bei der Polizei über Glücksspiel über Verrohung der Gesellschaft über missliche Wohnbedingungen bis hin zu Willkür von Neureichen und von Behörden, Polizei und Staatsgewalt wird eigentlich alles überdeutlich gezeigt, was mit dem neuen China nicht stimmt. Aber was soll man auch von einer Chinareisenden und ihrem Urteil halten, die als Beispiel für Zensur nennt, dass der Film nach dem Gewinn des Goldenen Bären umgehend in die Kinos gebracht wurde und dafür andere Filme auf einen späteren Filmstart bzw. auf ungünstige Vorführzeiten abgedrängt wurden. Natürlich, in der vom kommunistischen Regime freien Kinowelt sieht man die Arthouse-Filme für gewöhnlich am Samstagabend im größten Kinosaal am Postdamer Platz, wohingegen Oscargewinner mit bekannten Darstellern sich schon mal hinten anstellen müssen …

Jedenfalls ist mir persönlich der Durchmarsch dieses Filmes auf der Berlinale unerklärlich. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Es ist ein guter Genre-Film, wer düstere Liebesthriller oder skurrile Detektivgeschichten mag, wird sich hier bestens unterhalten fühlen. Natürlich ist die Erzählweise stark auf ein chinesisches Publikum ausgerichtet, sprich, manches ist für deutsche Sehgewohnheiten doch sehr um die Ecke erzählt.

Das Problem ist eher, dass ich mich ständig gefühlt habe, als hätten sich Takeshi Kitano und Alexej Balabanov (Gott hab ihn selig) zusammengetan, um ein Remake-Mix aus ihren Filmen mit chinesischem Geld und chinesischen Schauspielern zu drehen. Ich frage mich wirklich, ob die Jury in diesem Jahr im Weltkino überhaupt schon mal irgendwas gesehen hat oder ob da einfach ein paar Leute kund tun wollten, dass sie China (oder was sie dafür halten) auch schon mal aus der Nähe gesehen haben. Und überhaupt ganz dolle kritisch sind in Sachen Reich der Mitte. (Aber T-Shirts für 5 Euro trotzdem kaufen, man kann ja nicht auf alles verzichten und so.)

Ansehen kann man sich den Film aber schon.

Trailer Hong Kong:

Trailer Deutschland:

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