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Welterbe Naumburg: Zweiter Anlauf Paris 2017

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Naumburg modifiziert seinen Welterbeantrag bis Januar 2016 und versucht in einem zweiten Anlauf, den Naumburger Dom und die Denkmal-Landschaft an Saale und Unstrut bei der Tagung UNESCO-Welterbe-Kommission in Paris 2017 auf die Welterbeliste setzen zu lassen.

Die Sitzung des Gremiums in Bonn vor wenigen Tagen hatte den vom Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut entworfenen Antrag zur Überarbeitung an diesen zurückgegeben. Das werteten die am Antrag beteiligten als Teilerfolg – denn zuvor hatten die Gutachter des Internationalen Rates für Denkmalpflege ICOMOS das Naumburger Konzept als „zu intellektuell“ verrissen und der Kommission klipp und klar die Ablehnung des Antrags empfohlen.

Die Naumburger ließen sich davon nicht beirren und zogen ihren Antrag entgegen aller Warnungen nicht zurück. Jetzt wurden sie belohnt: ICOMOS ruderte nach dem Votum der Kommission zurück und sagte seine Unterstützung bei der Überarbeitung des Antrags zu. Das Kultusministerium Sachsen-Anhalt zeigte sich vorbereitet und sagte umgehend finanzielle Unterstützung für die nächste Antragsrunde zu.

Wer wissen will, warum Naumburg Welterbe werden will, dem sei schon jetzt eine Landpartie dahin empfohlen. Und für Weinfreunde ist die Gegend ohnehin ein Muss.

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Landpartie: Naumburg und seine Berühmtheiten

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Jede Stadt hat ihre Berühmtheiten. Die werden dann bei Wikipedia unter “Söhne und Töchter” aufgelistet, sofern sie da geboren sind. Ursula Römer steht da noch nicht, dabei ist sie die Nachfahrin der Steinbrück-Bürstenmacherei-Dynastie und steht noch heute mit Mitte 70 in dem Laden, den ihre Vorfahren 1885 schon an genau dieser Stelle hatten. (Das Unternehmen selbst ist noch ein paar Jahre älter.)

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Kaufen kann man hier Bürsten, Besen und Staubwedel aller Art – Ursula Römer stellt die meisten davon noch von Hand her in ihrer Werkstatt, einem Tisch mitten im Laden.

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Natürlich konnte ich nicht widerstehen und habe mich mit Handfeger und Besen eingedeckt. Echte Handarbeit muss man einfach kaufen. Das dachte sich wohl auch ein Hipster-Paar aus Berlin, das einen Teppichklopfer im Schaufenster erspähte und nach diversen Teppichklopfer-Testereien (es gibt da große Unterschiede!) mit dem Schaufenster-Teppichklopfer von dannen zog. (Dass man für einen Teppichklopfer eine Teppichstange braucht, werden sie schon noch rausfinden.)

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Natürlich war Martin Luther auch mal hier, und zwar drei Tage lang, wie eine Tafel am Markt verkündet. Ein paar Tage länger hielt es Friedrich Nietzsche hier aus, wenngleich nur auf Urlaub bei seiner Mutter, aber egal. Weshalb die Naumburger Stadtväter neben der Tafel auch gleich noch ein Denkmal spendierten. Frau schaut bewundernd auf zum Genie, alles klar.

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Ob man im Ratskeller gut speist, kann ich mangels Erfahrung nicht sagen. Auf jeden Fall schmeckt das Fischbrötchen, das auf dem Marktplatz verkauft wird. Und auch die Fleischer von Naumburg erreichen ein Niveau, das in Berlin wahrscheinlich schon unter gehobener Küche laufen würde. Eine Stadt, in der man gern isst und dafür auch Geld auszugeben bereit ist – noch ein Grund mehr für einen Ausflug nach Naumburg.

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Die historische Altstadt ist ein Paradies für Flaneure. Überall gibt es witzige Details zu sehen. Dass die Stadt so gut saniert ist, verdankt sie auch dem Engagement ihrer Bürger. Bei der Aktion “Dieses Haus will leben” wurden fast verfallene Häuser an Interessierte zum Symbolpreis abgegeben: Mit der Auflage, die Häuser für Kultur und Tourismus zu nutzen. So entstanden eine ganze Reihe hübscher Pensionen – doch hier heißt es rechtzeitig buchen, denn Naumburg ist in der Regel schon Wochen vorher ausgebucht.

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Zum Vorschein kamen bei den Sanierungsarbeiten auch die alten Zunftzeichen und Reliefs, die in Naumburg einst die Hausnummern darstellten.

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Andere, wie diese Buchdruckerei, haben die alte Tradition fortgesetzt und eine Mischform als ihr Markenzeichen etabliert.

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Die Reise nach Naumburg ins Saale-Unstrut-Tal war für mich eine Offenbarung: Hierher komme ich ganz bestimmt sehr bald noch einmal.

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Landpartie: Naumburg und der Wein

Naumburg Roßbach Weinberg

Nur wenige Kilometer von Naumburg entfernt liegt das Winzerdorf Roßbach. 350 Einwohner, eine Kirche, ein Kindergarten und jede Menge Weinberge.

Naumburg Roßbach

Technisch gehört der Ort zu Naumburg, doch der Taxifahrer schaute, als ob er eine Reise zum Mond antreten sollte. Mit dem Fahrrad wäre ich vermutlich auch schneller gewesen, denn man kann sich auch in einem Straßendorf verirren als Naumburger Taxifahrer. Und zwar richtig.

Naumburg Roßbach

Das hatte natürlich auch sein Gutes, denn so zeigte sich der Ort gleich von seiner malerischen Seite. Idyllisch schlängelt sich der Saale-Radwanderweg zu Fuße der Weinberge entlang.

Naumburg Roßbach WeinbergNaumburg Roßbach Weinberg

Die Weinbauern haben es zu ihrem Böttcher nicht weit, was in Deutschland auch in Weinbaugebieten eine Seltenheit ist: Carsten Romberg ist einer von sieben oder acht Unternehmern, die im Böttcher-Handwerk in Deutschland tätig sind.

Naumburg Roßbach Böttcherei Romberg

So ein Holzfass ist überraschend groß – und macht ganz schön viel Arbeit. Bevor aus frisch geschlagenen Holz ein Fass gebaut werden kann, muss es mindestens vier Jahre lagern. Am besten im Freien. So wäscht der Regen die Gerbstoffe heraus. Erst dann schneidet Carsten Romberg die Fassdauben zu – das sind die Bauteile für das Fass. Die werden über Feuer oder über Dampf gebogen und schließlich mit dem Boden zusammengefügt. Die Ritzen werden übrigens mit Schilf gestopft. Und am Ende kommen die Reifen um das Fass, damit es seine 20 Jahre hält. Theoretisch sind Fässer bis zu 100 Jahre nutzbar, aber zum Glück für den Handwerker will das heute kein Winzer mehr so.

Naumburg Roßbach Böttcherei Romberg

An Arbeit mangelt es also nicht, auch nicht an Aufträgen. Dafür an Arbeitskräften. Was man aus dem Mund von Handelskammervertretern und Arbeitgeberverbänden schon lange nicht mehr hören kann, ist offenbar dann doch nicht ganz gelogen. Fast zwei Jahre suchte Carsten Romberg nach einem Gesellen. Jedes Jahr beginnen zwei bis drei junge Leute die Ausbildung zum Böttcher, nach drei Jahren ist vielleicht noch einer dabei. Zu anstrengend sei vielen das Handwerk, klagt der Meister. Naumburg Roßbach Frölich Hake

Und auch bei den Winzern sieht es nicht viel besser aus. Wer jung ist in Sachsen-Anhalt, will in die Großstadt – und wer in der Heimat bleiben will, dem fehlt dann häufig schon das kleine Einmaleins, klagten alle Winzer, mit denen ich gesprochen habe auf meiner Tour. Aber wer Wein machen will, muss rechnen können. Und zwar nicht erst, wenn er die Flaschen in seinen Hofladen stellt. Auf vielen Weingütern heißt es deshalb Do-it-yourself – mit dem 48h-Tag. Volker Frölich und Sandra Hake vom Weingut Frölich-Hake macht es trotzdem Spaß. Damit die Kundschaft sieht, was alles zu tun ist, veranstalten sie Wanderungen in ihre Weinberge mit Picknick: Perfektes Ausflugsziel für Wanderer und Genießer.

Naumburg Roßbach Frölich Hake

Nebenan beim Weingut Herzer sind Souvenirkäufer richtig. Weingutbesitzer Stefan Herzer stellt Weine mit Uta auf dem Etikett in kleiner Auflage für den Naumburger Dom her. Auch ansonsten hat der Pfälzer viele gute Marketingideen – die er gern mit anderen teilt. Für die Region sind Leute wie er wichtig: Denn die Freundlichkeit der Menschen in und um Naumburg kommt (leider) in der Regel mit einem gewissen Understatement daher.

Naumburg Roßbach Weingut HerzerNaumburg Roßbach Weingut HerzerNaumburg Roßbach Weingut Herzer

Weil es dann schon ganz schön spät geworden ist, kehren wir ein in der legendären Kneipe “Zur Hupe”, die so heißt, weil sie am Bahnübergang liegt und der Besitzer dachte, dass das Signal der Züge mit einer Hupe ausgelöst werde. Es gibt Hausmannskost, alles frisch und selbstgemacht. Und die Deko ist allein schon den Ausflug nach Roßbach wert.

Naumburg Roßbach

Am nächsten Morgen geht es zum deutschen Marktführer in Sachen Sekt – zur Rotkäppchen-Mumm Sektkellerei in Freyburg an der Unstrut. Von einem in den Fels der Kellerei gehauenen Garten aus hat man direkten Blick auf die Neuenburg.

Rotkäppchen Mumm Freyburg Unstrut Neuenburg

Täglich finden hier Führungen statt, zu denen man einfach kommen kann. 100.000 Besucher nutzen das im Jahr. Für Firmenevents oder andere Feiern kann man auch die Deluxe-Variante einer Führung bestellen: Mit Verkostung von feinsten Sekten oder schausspielerischen Einlagen. Sehen kann man auch sonst eine Menge. Im Gär- und Rüttelkeller reifen die teuersten Produkte des Hauses: Neun Monate braucht die Flaschengärung, das Verfahren entspricht dem von Champagner. In dieser Zeit verwandelt die Hefe den Zucker im Wein in Kohlensäure und Alkohol. Sie gibt dabei ihre Inhaltsstoffe an den Wein ab und bindet die Kohlensäure an den Wein. Täglich rüttelt ein Kellermeister die 10.000 Flaschen und dreht sie dabei um ein Achtel. (Was für ein Job!)

Rotkäppchen Mumm Freyburg Unstrut

So kann die Hefe hoch in den Flaschenhals wandern. Zum Schluss wird der Flaschenhals in Kühlsole versenkt. Die Hefe schießt dann als Eispfropfen heraus. Der würde den meisten Menschen kaum schmecken, denn er enthält kein bisschen Zucker mehr. Deshalb kommt schließlich noch ein kleines Schlückchen Likör hinzu, lerne ich. Diese sogenannte Dosage bestimmt den Geschmacksgrad – Brut Zero enthält zum Beispiel maximal drei Gramm Restzucker pro Liter. Das ist sehr, sehr trocken. Sekt mit der Aufschrift „mild“ hat dagegen einen Zuckergehalt von über 50 Gramm pro Liter. Je länger der Sekt auf der Flasche reift, desto feiner ist die Kohlensäure. Sind die Perlen klein, hat man also besondere Qualität im Glas – und die durfte ich dann auch kosten. Flaschengärung Chardonnay extra trocken. Hach.

Rotkäppchen Mumm Freyburg Unstrut Rotkäppchen Mumm Freyburg Unstrut

Gelernt habe ich bei dem Rundgang natürlich auch etwas: Und zwar muss Sekt bald getrunken werden, da er auf der Höhe der Reife ist, wenn er aus der Sektkellerei kommt. Außerdem darf ein Sekt keinesfalls ins Tiefkühlfach. Rechtzeitig kalt stellen also. Der Korken kommt übrigens quasi von allein heraus, wenn man das Drahtgestell vorsichtig abmacht und dann den Korken festhält und an der Flasche dreht. Dann sollte man einen Seufzer hören (aus der Flasche!) – und dem Prost steht nichts mehr im Wege.

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