Archiv der Kategorie: Couchsurfing

Das Licht von Chongqing

Chongqing 021

An der Mündung der zwei Flüsse, nämlich des Yangtse und des Jialing, ist der einzige Ort in Chongqing, wo man gelegentlich auch andere Ausländer trifft. Denn zu den Mythen der touristischen Vermarktung von China gehört die Yangtse-Kreuzfahrt wie der Eiffelturm von Paris. Leider ist seit der Flutung im Zusammenhang mit dem Drei-Schluchten-Staudamm von der Schönheit der Strecke wenig geblieben. Vom ziemlich beklemmenden Wetter einmal abgesehen. Drei oder vier Tage auf einem chinesischen Schiff den Yangtse runter sollte man ohnehin nur in Erwägung ziehen, wenn man China grundsätzlich für ein schreckliches Land hält und also nur in seiner eigenen Meinung bestärkt werden möchte.

Wir buchen deshalb die Abendtour, auch wenn bei Tageslicht die Silhouette der Stadt ungefähr so attraktiv ist wie Bitterfeld im November 1978 und das Ticket überraschenderweise mehr kostet als ein Halbtagesausflug auf dem Rhein. Doch nachdem wir uns extra in die Gegend bemüht haben, um in der “Urban Planning Exhibition Hall” etwas über Stadtplanung in Chongqing zu lernen, schlagen wir anschließend ermattet zu. Die mit “Exhibition Hall” ziemlich großzügig beschriebene Anlage ist aus einem mysteriös bleibenden Grund als 4A-Touristenattraktion gelabelt, also als 1a-Touristenattraktion.

Leider befindet sich die Hälfte der Anlage unter Renovierung, und der Rest besteht aus Modellen davon, wie der Großstadtdschungel weiter gedüngt werden soll. In einem animierten Schaukasten kann man eine Ahnung davon haben, wie das Leben in der Bergstadt vor ein paar hundert Jahren mal aussah.

Chongqing 009Chongqing 016

Witzigerweise schleppen die Arbeiter dabei unter Tage schwere Säcke, während die Damen der feinen Gesellschaft sich in Rikschas herumkutschieren lassen. Als wir draußen sind, müssen wir uns entscheiden, ob wir von einer Horde schnaufender und schwitzender “Bang-Bangs” umgerannt oder von einer Flotte Mercedes der S-Klasse überfahren werden wollen.

Doch am Abend bewahrheitet sich mal wieder eine alte chinesische Weisheit, die da lautet, man muss die Sachen nur im richtigen Licht sehen. Und hokuspokus, verwandelt sich Chongqing bei Nacht in ein schillerndes, lebenssattes, gleißendes Paradies.

Chongqing 090

Chongqing 087

Das Boot ist bis zum letzten Stehplatz ausgebucht, obwohl zeitgleich ein halbes Dutzend Boote so groß wie deutsche Überseefrachter in See stechen. Interessanterweise handelt es sich dabei mitnichten um Touristen, schon gar keine aus dem Westen. Außer mir sind nur ein Franzose und seine frankochinesische Frau an Bord, die beide ein bisschen entsetzt aussehen an Anbetracht der emotionalen Ausbrüche an Bord. Es wird gejubelt, gelacht und mit den neuesten technischen Gadgets gefilmt (die Kulisse und dann sich selbst vor derselben, jeweils im Minutentakt), dazu Bier getrunken, Karten gespielt und natürlich geraucht. Die Stimmung ließe eingefleischte Karnevalsfans erblassen: Wenn der Chinese eine Arbeitspause einlegt, dann sieht Las Vegas im Vergleich dazu aus wie eine zahnlose Geisterstadt.

Chongqing 105

Doch egal was um sie herum passiert, diese Herrschaften spielen Karten, und zwar von der Sekunde, in der sie das Schiff betreten bis zu dem Moment, als das Personal am Ende die Plastikstühle ineinandersteckt und den Teppichboden mit Reisigbesen kehrt.

Chongqing 135

Getaggt mit , , , , , , ,

Gar nicht lustig ist das Studentenleben

Zumindest nicht in China. Das stellen wir bei einem Besuch der Sichuan International Studies University fest. Nicht nur dass man mit dem Taxi eine halbe Ewigkeit (also etwa 60 Minuten) an Fahrzeit braucht (was in Chongqing ja eher der Normalzustand und “ganz in der Nähe” ist). Nein, der Campus liegt selbst für Chongqinger Verhältnisse “abgeschieden”, nämlich direkt auf einem ziemlich hohen Hügel. Von hier kann man nicht mal ein Taxi in die Stadt nehmen, denn einen Taxiruf gibt es ja in der ganzen Stadt nicht. Es bleibt nur ein ziemlich steiler Abstieg zur nächstgelegenen Bushaltestelle: 20 Minuten braucht man hinunter, 30 Minuten hinauf (in der Nacht oder im Sommer bei Temperaturen über 40 Grad ein besonderes Vergnügen). Mehr als paramilitärische Übungen wird auf dem Campus nicht geboten an Freizeitprogramm. Es soll eben nur ums Studieren gehen an einer chinesischen Uni, zuckt Keke mit den Schultern. Er studiert Medienwissenschaften und führt uns durch die Universität. Leider erschließt sich mir nicht so ganz, wo man das hier tun soll: Denn die “modernsten” unter den Wohnheimzimmern sind etwa 10 qm groß und mit vier Doppelstockbetten und einem Computertisch mit vier Nischen vollgestopft. Wer mehr als ein Buch zum Arbeiten braucht, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt. Oder muss hoffen, dass ein Mitbewohner ab und an doch mal den Berg herunter in die Stadt zum Partymachen zieht.

IMG_0126IMG_0133

Das kann man in Chongqing nämlich überraschend gut. Vor allem die Schwulenclubs der Stadt haben landesweit einen exzellenten Party-Ruf. Doch entgegen meiner Erwartungen geht es dort eher zu wie in einem deutschen Bauarbeiterlokal, auch wenn dazu chinesische Obertonmusik und ein buntes Transvestitenprogramm geboten wird. Es krachen die Biergläser im Sekundentakt (auch wenn die aussehen wie Schnapsgläser und das Bier eher schmeckt wie Fanta light), es wird um Alkohol gewürfelt und um Geld gezockt, Kerle im Glitzertop schreien und fluchen wie Bierkutscher, und irgendwann gibt es auch die dazugehörige Rangelei. “Wir sind wie die Stadt”, erklärt mir einer unserer Begleiter. “Genauso rau und roh und verrückt.”

IMG_0213

Das scheint allerdings keine Chongqinger Besonderheit zu sein, sondern ein gesamtchinesisches Phänomen: An der Universität wurde ich Zeuge einer Einführungsveranstaltung in multimedialer Werbung. Die Studis hatten dafür aus den Tiefen des chinesischen Internets Reklame für lokale Produkte gekramt. Dabei handelte es sich um relativ lange Filmchen, die in mehr als expliziter Weise Geschichten erzählten über die Geschlechterverhältnisse in China, jeweils gerankt um Softdrinks, Kaugummi oder Tee. In Deutschland ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Werbebotschaften ihren Weg zum Publikum niemals gefunden hätten, denn dagegen sieht das Programm von RTL2 aus wie die Schulaufführung in einem Mädchenpensionat. Die jungen Leute im Seminar zuckte jedenfalls mit keiner Wimper über die mitunter ziemlich groben Bilder, sondern grölten höchstens, wenn der Clip schon allgemein bekannt und also zu langweilig zum Ansehen war. Den meisten Beifall erhielt eine Studentin für einen Beitrag, in dem sich ein junger Mann nach dem Genuss eines Softdrinks zu einem Transvestiten hingezogen fühlt und erst nach Jahrzehnten an dessen Sterbebett erkennt, dass die Brause ihn an der Seite des falschen Objekts der Begierde altern ließ. Sehr bizarr. Aber im Kontext wohl nicht so ungewöhnlich, schließlich werden die weiblichen Rollen in der chinesischen Oper traditionell von Männern gespielt. Und wie mir eine unserer neuen Bekanntschaften erzählte: “Nichts liebt der Chinese mehr als ein Gespräch über Sex.”

Getaggt mit , , , , ,

Der Preis des Fortschritts

Weil ich JN die Hotelbuchung überlassen habe, kann ich mich jeden Tag über unsere Unterkunft freuen. Mitten im wohl chaotischsten Bezirk von Chongqing steht die 300 Jahre alte chinesische Villa. Aus irgendeinem Grund hat jemand beschlossen, das Ganze “Youth Hostel” zu nennen, dabei haben weder Ambiente noch Preise irgendetwas mit einer Jugendherberge zu tun.

IMG_0241IMG_0246

Das Haus gehört dem Staat, doch der hat das Gebäude an drei Privatunternehmer vermietet, die es als liebevoll renoviertes Hotel jetzt der Allgemeinheit zugänglich machen. Leider ist zu befürchten, dass der Ort bald viel von seinem Charme verliert, denn fast alle Häuser der Gassen ringsum sind als Abrisskandidaten markiert.

Der Geschäftsführer, Herr Yu, sieht die Veränderungen der Gegend mit gemischten Gefühlen. Wenn die Gegend nach der in China üblichen Weise komplett abgerissen und mit neuen “alten Häusern” bebaut sein wird (wie im Umfeld schon heute reichlich zu sehen), kommen sicherlich auch mehr Touristen als jetzt. Auf der anderen Seite fehlt den Nachbauten nicht nur das Flair. “Wir reißen unsere eigene Geschichte ab.”

Chongqing 004Chongqing 006

Chongqing 048

Später entdecken wir zufällig, dass es in “unserem Viertel” ein echtes touristisches Highlight zu entdecken gibt: die Huguang Guild lockt zahllose Reisegruppen an, die mehr oder weniger engagiert dem Mikrofon-Schnarren ihrer Reiseführer folgen. Gleich nebenan laden eine Reihe von in Teehäuser umgewandelten “neuen alten Häusern” (so echt wie ein Kunststoff-Cupcake) zu ziemlich überteuerten Teehauszeremonien ein.

Dafür haben wir aber keine Zeit, denn wir wollen herausfinden, was die Menschen in diesem Viertel bewegt, das die Berliner Angst vor Gentrifizierung wie ein Hirngespinst aussehen lässt: Denn hier werden nicht nur ein paar Altbauten luxussaniert, sondern die Stadt wird von den Füßen auf den Kopf und wieder zurück gestellt. Kollateralschäden setzt diese Art des Stadtumbaus als gegeben voraus. Ganze Nachbarschaften werden in alle Winde verstreut, denn in einer Stadt wie Chongqing, in der man von einem Ende zum anderen gut acht Stunden mit dem Auto unterwegs ist, bedeutet ein Umzug so viel wie bei uns ein Wechsel des Bundeslandes.

Wir treffen Menschen, deren Existenz auf dem Spiel steht, denn wenn die Gegend abgerissen wird, besitzen sie keinen Laden mehr und damit kein Einkommen. Am Stadtrand, wohin die Einwohner umgesiedelt werden sollen, fehlt die Laufkundschaft, die es hier mitten im Zentrum nah an den Großhandelsmärkten und den schicken Läden in der Fußgängerzone im Überfluss gibt.

Andere verlieren ihre Wohnung ganz, obwohl sie erst vor vier Jahren ordnungsgemäß dafür bezahlt haben. Doch wer in China keine Zuzugsgenehmigung besitzt, ist im Grunde illegal. Und hat keinen Anspruch auf die gesetzlich vorgesehene Kompensation. Viele Familien weigern sich deshalb zu gehen und harren in halb abgerissenen Hochhäusern aus.

Chongqing 106

Immer wieder beeindruckend ist für mich der Optimismus, mit dem die Chinesen an solche lebenswichtigen, existenzbedrohenden Probleme gehen. Kein Wunder, dass einer meiner Gesprächspartner China mit “einem riesengroßen Rheinland” vergleicht: Et hät noch immer joot jejange, das ist offensichtlich das Lebensmotto der Menschen in Chongqing.

Auch die Bangbangs von Chongqing blicken gut gelaunt in die Zukunft. Die tradtionellen Lastenträger der Bergstadt leben davon, dass die Stadt am Felsen klebt und viele Häuser über Straßen gar nicht erreichbar sind. Wer die steilen Treppen nicht mit Gepäck beschwert in Angriff nehmen will, holt sich die Hilfe eines “Bangbangs”, der für vergleichsweise kleines Geld die Sachen mit einem Bambusrohr (bang) über den Schultern nach oben schleppt. “Wenn die Stadt blüht, blühen auch die Geschäfte”, erzählt Herr Y, der den Job schon seit 10 Jahren macht.

Chongqing 114

Getaggt mit , , , , ,

Chongqing treats

Meine chinesische Kollegin und Teampartnerin JN ist mit einer wunderbaren App ausgestattet: Nämlich mit einer, die die besten Lokale rund um den eigenen Standort anzeigt. Essensverrückt wie fast alle Chinesen setzt JN noch einmal neue Maßstäbe, was die Laufbereitschaft für Genuss angeht. Zusammen entdecken wir die Spitzenlokale von Chongqing, die sich wie in China üblich entweder in Shopping-Malls oder in den oberen Stockwerken von Bürohochhäusern vor den Augen von ahnungslosen Touristen geschickt verborgen halten.

Chongqing 002

Chongqing 004Chongqing 008Chongqing 009Chongqing 011

Dass es draußen fast immer aus Eimern schüttet, interessiert da schon keinen mehr. Auch nicht unsere Gesprächspartner, denn Interviews während der chinaweit standardisierten Essenzeiten (von 12 bis 14 und 17 bis 20 Uhr) braucht man nicht einmal anzudenken. (So flexibel wie die Chinesen ansonsten in Sachen Terminplanung sind: Beim Essen hört die Zeitkreativität auf.) Uns bleibt also nichts als vor Tau und Tag aufzustehen (das Taxiproblem fordert logistische Meisterleistungen) oder bei Nacht um die Häuser zu ziehen. Denn schließlich kann man Radiointerviews ja schlecht beim Essen führen. Schon gar nicht in einem Lokal in Chongqing, denn noch beliebter als pünktlich zu speisen ist eine gepflegte Konversation beim Essen – was auf chinesisch heißt, schreien aus vollem Rohr.

Abends schauen wir den Nachbarn in unserem Viertel in einem der alten Bezirke von Chongqing beim Tanzen zu. Denn das ist die dritte Passion des Chongqingers: Nach all der Völlerei gehört der Abend der Gesundheitspflege rund um die örtliche mobile Polizeistation.

Chongqing 027Chongqing 039Chongqing 051

Getaggt mit , , , ,
%d Bloggern gefällt das: