Archiv der Kategorie: China

Berlinale Goldener Bär 2014: Feuerwerk am hellichten Tage (VR China)

Gestern im Sommerkino „Feuerwerk am hellichten Tage“ von Diao Yinan gesehen, der in diesem Jahr den Goldenen Bären für den besten Film auf der Berlinale erhalten hat. Hauptdarsteller Liao Fan wurde für seine Leistung als bester Schauspieler geehrt. Der Film war der Überraschungsieger, denn die gesamte Kritik und auch die Zuschauer gingen davon aus, dass „Boyhood“ von Richard Linklater das Rennen macht.

Was, nachdem ich den chinesischen Film nun gesehen habe, auch die richtige Entscheidung gewesen wäre. Allein für das enorme finanzielle und künstlerische Risiko, einen Film über 12 Jahre zu drehen und einzukalkulieren, dass er niemals gezeigt werden kann am Ende, sei es weil einer der Darsteller vom Bus überfahren wird oder der Hauptdarsteller beim Erreichen der Volljährigkeit schlicht der Ausstrahlung widerspricht.

„Feuerwerk am hellichten Tag“ jedenfalls ist vor allem eines: Eine Enttäuschung. Das könnte natürlich auch am Hype liegen, der um diesen Film nach Gewinn des Preises gemacht wurde. Wobei China-Freund Kosslick sicherlich das Seinige dazu beigetragen hat. Die Einführung, die durch eine Berlinale-Mitarbeiterin im Freiluftkino Friedrichshain gestern gegeben wurde, spricht jedenfalls Bände. Länglich schwärmte sie von ihren Besuchen in China (die wahrscheinlich direkt in eine Hipster-Bar in Shanghai führten) und betonte, wie sehr man am Film die Zensur erkennen könne. Wobei man sich nach Ansicht des Films fragt, was sie wohl damit gemeint haben könnte. Denn von bedenklichen Arbeitsbedingungen über Trunkenheitsprobleme bei der Polizei über Glücksspiel über Verrohung der Gesellschaft über missliche Wohnbedingungen bis hin zu Willkür von Neureichen und von Behörden, Polizei und Staatsgewalt wird eigentlich alles überdeutlich gezeigt, was mit dem neuen China nicht stimmt. Aber was soll man auch von einer Chinareisenden und ihrem Urteil halten, die als Beispiel für Zensur nennt, dass der Film nach dem Gewinn des Goldenen Bären umgehend in die Kinos gebracht wurde und dafür andere Filme auf einen späteren Filmstart bzw. auf ungünstige Vorführzeiten abgedrängt wurden. Natürlich, in der vom kommunistischen Regime freien Kinowelt sieht man die Arthouse-Filme für gewöhnlich am Samstagabend im größten Kinosaal am Postdamer Platz, wohingegen Oscargewinner mit bekannten Darstellern sich schon mal hinten anstellen müssen …

Jedenfalls ist mir persönlich der Durchmarsch dieses Filmes auf der Berlinale unerklärlich. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Es ist ein guter Genre-Film, wer düstere Liebesthriller oder skurrile Detektivgeschichten mag, wird sich hier bestens unterhalten fühlen. Natürlich ist die Erzählweise stark auf ein chinesisches Publikum ausgerichtet, sprich, manches ist für deutsche Sehgewohnheiten doch sehr um die Ecke erzählt.

Das Problem ist eher, dass ich mich ständig gefühlt habe, als hätten sich Takeshi Kitano und Alexej Balabanov (Gott hab ihn selig) zusammengetan, um ein Remake-Mix aus ihren Filmen mit chinesischem Geld und chinesischen Schauspielern zu drehen. Ich frage mich wirklich, ob die Jury in diesem Jahr im Weltkino überhaupt schon mal irgendwas gesehen hat oder ob da einfach ein paar Leute kund tun wollten, dass sie China (oder was sie dafür halten) auch schon mal aus der Nähe gesehen haben. Und überhaupt ganz dolle kritisch sind in Sachen Reich der Mitte. (Aber T-Shirts für 5 Euro trotzdem kaufen, man kann ja nicht auf alles verzichten und so.)

Ansehen kann man sich den Film aber schon.

Trailer Hong Kong:

Trailer Deutschland:

Getaggt mit , , , , , , , , , ,

London: China Town

Jetzt kann ich zu Hause erzählen, ich war in China. Das meinte meine Mutter, als wir die ersten Vorboten von China Town entdeckt hatten.

London China TownLondon China TownLondon China Town

Das Viertel rund um die Gerrard Street wird aggressiv vermarket – offenbar auch in der alten Heimat, denn die Dichte der chinesischen Reisegruppen ist schier unglaublich. Und auch der Eifer, mit der sie vor den Restaurants auf ihre Takeaways warten. (Als hätten sie jahrelang kein chinesisches Essen gesehen.) Denn drinnen – Londoner Platzverhältnisse – ist schlicht nicht genug Raum, um alle Gruppen unterzubringen.

London China TownLondon China TownLondon China TownLondon China TownLondon China TownLondon China TownLondon China TownLondon China Town

Damit die Hipster diesem Touristenspektakel noch was abgewinnen können, haben sich die Geschäftsleute hier einen neuen Trend einfallen lassen: Nämlich Cocktail-Bars. Und weil da nicht jeder Hans und Franz reinspazieren soll, um das schöne Hipster-Erlebnis zum chinesischen Ballermann zu machen, ist der Zutritt ganz exklusiv. Die Adressen lauten dann zum Beispiel “Jadetür in der Gerrard Street”, und dass die unscheinbare Haustür neben einem Restaurant woanders hin als in die Lager desselben führen, ahnt man nur daran, dass ein chinesischer “Man in Black” mit Headset am Eingang steht.

Meine Freundin S. und ich haben die Bar Opium probiert, die sich im Stil “Shanghai der 30er Jahre” präsentiert. Nach einem steilen Aufstieg erlebt man eine Cocktailstunde der Extra-Klasse. (Geldbeutel auffüllen vorher.)

London China Town Opium Bar

Getaggt mit , , , , ,

Das Licht von Chongqing

Chongqing 021

An der Mündung der zwei Flüsse, nämlich des Yangtse und des Jialing, ist der einzige Ort in Chongqing, wo man gelegentlich auch andere Ausländer trifft. Denn zu den Mythen der touristischen Vermarktung von China gehört die Yangtse-Kreuzfahrt wie der Eiffelturm von Paris. Leider ist seit der Flutung im Zusammenhang mit dem Drei-Schluchten-Staudamm von der Schönheit der Strecke wenig geblieben. Vom ziemlich beklemmenden Wetter einmal abgesehen. Drei oder vier Tage auf einem chinesischen Schiff den Yangtse runter sollte man ohnehin nur in Erwägung ziehen, wenn man China grundsätzlich für ein schreckliches Land hält und also nur in seiner eigenen Meinung bestärkt werden möchte.

Wir buchen deshalb die Abendtour, auch wenn bei Tageslicht die Silhouette der Stadt ungefähr so attraktiv ist wie Bitterfeld im November 1978 und das Ticket überraschenderweise mehr kostet als ein Halbtagesausflug auf dem Rhein. Doch nachdem wir uns extra in die Gegend bemüht haben, um in der “Urban Planning Exhibition Hall” etwas über Stadtplanung in Chongqing zu lernen, schlagen wir anschließend ermattet zu. Die mit “Exhibition Hall” ziemlich großzügig beschriebene Anlage ist aus einem mysteriös bleibenden Grund als 4A-Touristenattraktion gelabelt, also als 1a-Touristenattraktion.

Leider befindet sich die Hälfte der Anlage unter Renovierung, und der Rest besteht aus Modellen davon, wie der Großstadtdschungel weiter gedüngt werden soll. In einem animierten Schaukasten kann man eine Ahnung davon haben, wie das Leben in der Bergstadt vor ein paar hundert Jahren mal aussah.

Chongqing 009Chongqing 016

Witzigerweise schleppen die Arbeiter dabei unter Tage schwere Säcke, während die Damen der feinen Gesellschaft sich in Rikschas herumkutschieren lassen. Als wir draußen sind, müssen wir uns entscheiden, ob wir von einer Horde schnaufender und schwitzender “Bang-Bangs” umgerannt oder von einer Flotte Mercedes der S-Klasse überfahren werden wollen.

Doch am Abend bewahrheitet sich mal wieder eine alte chinesische Weisheit, die da lautet, man muss die Sachen nur im richtigen Licht sehen. Und hokuspokus, verwandelt sich Chongqing bei Nacht in ein schillerndes, lebenssattes, gleißendes Paradies.

Chongqing 090

Chongqing 087

Das Boot ist bis zum letzten Stehplatz ausgebucht, obwohl zeitgleich ein halbes Dutzend Boote so groß wie deutsche Überseefrachter in See stechen. Interessanterweise handelt es sich dabei mitnichten um Touristen, schon gar keine aus dem Westen. Außer mir sind nur ein Franzose und seine frankochinesische Frau an Bord, die beide ein bisschen entsetzt aussehen an Anbetracht der emotionalen Ausbrüche an Bord. Es wird gejubelt, gelacht und mit den neuesten technischen Gadgets gefilmt (die Kulisse und dann sich selbst vor derselben, jeweils im Minutentakt), dazu Bier getrunken, Karten gespielt und natürlich geraucht. Die Stimmung ließe eingefleischte Karnevalsfans erblassen: Wenn der Chinese eine Arbeitspause einlegt, dann sieht Las Vegas im Vergleich dazu aus wie eine zahnlose Geisterstadt.

Chongqing 105

Doch egal was um sie herum passiert, diese Herrschaften spielen Karten, und zwar von der Sekunde, in der sie das Schiff betreten bis zu dem Moment, als das Personal am Ende die Plastikstühle ineinandersteckt und den Teppichboden mit Reisigbesen kehrt.

Chongqing 135

Getaggt mit , , , , , , ,

Gar nicht lustig ist das Studentenleben

Zumindest nicht in China. Das stellen wir bei einem Besuch der Sichuan International Studies University fest. Nicht nur dass man mit dem Taxi eine halbe Ewigkeit (also etwa 60 Minuten) an Fahrzeit braucht (was in Chongqing ja eher der Normalzustand und “ganz in der Nähe” ist). Nein, der Campus liegt selbst für Chongqinger Verhältnisse “abgeschieden”, nämlich direkt auf einem ziemlich hohen Hügel. Von hier kann man nicht mal ein Taxi in die Stadt nehmen, denn einen Taxiruf gibt es ja in der ganzen Stadt nicht. Es bleibt nur ein ziemlich steiler Abstieg zur nächstgelegenen Bushaltestelle: 20 Minuten braucht man hinunter, 30 Minuten hinauf (in der Nacht oder im Sommer bei Temperaturen über 40 Grad ein besonderes Vergnügen). Mehr als paramilitärische Übungen wird auf dem Campus nicht geboten an Freizeitprogramm. Es soll eben nur ums Studieren gehen an einer chinesischen Uni, zuckt Keke mit den Schultern. Er studiert Medienwissenschaften und führt uns durch die Universität. Leider erschließt sich mir nicht so ganz, wo man das hier tun soll: Denn die “modernsten” unter den Wohnheimzimmern sind etwa 10 qm groß und mit vier Doppelstockbetten und einem Computertisch mit vier Nischen vollgestopft. Wer mehr als ein Buch zum Arbeiten braucht, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt. Oder muss hoffen, dass ein Mitbewohner ab und an doch mal den Berg herunter in die Stadt zum Partymachen zieht.

IMG_0126IMG_0133

Das kann man in Chongqing nämlich überraschend gut. Vor allem die Schwulenclubs der Stadt haben landesweit einen exzellenten Party-Ruf. Doch entgegen meiner Erwartungen geht es dort eher zu wie in einem deutschen Bauarbeiterlokal, auch wenn dazu chinesische Obertonmusik und ein buntes Transvestitenprogramm geboten wird. Es krachen die Biergläser im Sekundentakt (auch wenn die aussehen wie Schnapsgläser und das Bier eher schmeckt wie Fanta light), es wird um Alkohol gewürfelt und um Geld gezockt, Kerle im Glitzertop schreien und fluchen wie Bierkutscher, und irgendwann gibt es auch die dazugehörige Rangelei. “Wir sind wie die Stadt”, erklärt mir einer unserer Begleiter. “Genauso rau und roh und verrückt.”

IMG_0213

Das scheint allerdings keine Chongqinger Besonderheit zu sein, sondern ein gesamtchinesisches Phänomen: An der Universität wurde ich Zeuge einer Einführungsveranstaltung in multimedialer Werbung. Die Studis hatten dafür aus den Tiefen des chinesischen Internets Reklame für lokale Produkte gekramt. Dabei handelte es sich um relativ lange Filmchen, die in mehr als expliziter Weise Geschichten erzählten über die Geschlechterverhältnisse in China, jeweils gerankt um Softdrinks, Kaugummi oder Tee. In Deutschland ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Werbebotschaften ihren Weg zum Publikum niemals gefunden hätten, denn dagegen sieht das Programm von RTL2 aus wie die Schulaufführung in einem Mädchenpensionat. Die jungen Leute im Seminar zuckte jedenfalls mit keiner Wimper über die mitunter ziemlich groben Bilder, sondern grölten höchstens, wenn der Clip schon allgemein bekannt und also zu langweilig zum Ansehen war. Den meisten Beifall erhielt eine Studentin für einen Beitrag, in dem sich ein junger Mann nach dem Genuss eines Softdrinks zu einem Transvestiten hingezogen fühlt und erst nach Jahrzehnten an dessen Sterbebett erkennt, dass die Brause ihn an der Seite des falschen Objekts der Begierde altern ließ. Sehr bizarr. Aber im Kontext wohl nicht so ungewöhnlich, schließlich werden die weiblichen Rollen in der chinesischen Oper traditionell von Männern gespielt. Und wie mir eine unserer neuen Bekanntschaften erzählte: “Nichts liebt der Chinese mehr als ein Gespräch über Sex.”

Getaggt mit , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: