Archiv der Kategorie: Bücher

Die letzten Aufrechten im East Village: Strand Bookstore

Fast musste ich mir die Augen reiben, dass dieser Laden immer noch da ist, wo er immer war: Broadway und 12. Straße, Strand, der immer noch schönste Buchladen von New York. Es gibt eine riesige antiquarische Abteilung, in der man sich zum Beispiel mit vergriffenen Hardcovern eindecken kann. In den USA gibt es ja leider keine Backlist lieferbarer Bücher mehr, man kann von Glück sagen, wenn man ein Buch überhaupt noch neu kaufen kann. Und amerikanische Paperback-Drucke machen es für mich nicht verwunderlich, dass dort das E-Book selbst Buchketten wie Barnes&Nobles in die Knie zwingt…

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Am besten vorher eine Liste machen, was vielleicht gekauft werden könnte. Ansonsten verliert man in diesem Laden leicht Überblick und Nerven. Und Augen zu an den zahllosen Ständen mit den komplett überteuerten Strand-Souvenirs. (Von Baseballmütze bis Küchenschürze ist alles zu haben.)

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Italien, deine primzahlen

Es gibt Bücher, die man besser nicht gelesen hätte. Das merkt man in der Regel jedoch rechtzeitig und so ist spätestens auf Seite 50 Schluss. Und dann gibt es solche, die man zu Ende liest, obwohl sie schon nach zwei Kapiteln ihr Wesen offenbaren. Welches von “schwachsinnig” bis schlicht “ermüdend” reichen kann, aber scheinheiligerweise in Verbindung mit irgendeinem Grundplot daherkommt, der einen 500 Seiten lang auf die kurz bevorstehende Wendung hoffen lässt. Da ich fast nur zum Lesen komme, wenn ich schon im Bett liege, kommt letztere Konstellation nur selten bei mir vor. Ich schlafe nämlich einfach vorher ein. (Leider auch bei interessanten Büchern, aber das ist eine andere Geschichte.)

Nun ist für mich der Familienurlaub immer auch Gelegenheit, seit Monaten aufgestapelte Bücher zu lesen, wobei geschenkte Werke den Vorzug erhalten, weil der Schenker ja schließlich auf eine Rückmeldung wartet. (Oder vielmehr, weil ich wissen will, warum mir gerade dieses Werk zuteil wurde. Denn zum Glück wissen alle meine Freunde, das die Position des Zweitbuchs bei mir schon vergeben ist und greifen beim Verlegenheitsgeschenk dann doch lieber zur Pralinenschachtel.) Hätte ich diesmal doch meinen Stapel von der anderen Seite abgearbeitet …

Doch ich griff zur “Einsamkeit der Primzahlen”, dem Erstling eines Italieners, das in seiner Heimat im Jahr 2008 das meistverkaufte Buch war. Das führt nun zwangsläufig zur Frage, wie es um die Literatur in Bella Italia so bestellt ist. Denn leider drängt sich nach der Lektüre der Verdacht auf, dass es damit nicht zum Besten stehen kann.

Die Handlung des Werkes ist schnell zusammengefasst: Psychisch auffällige Anwaltstochter hinkt nach einem Skiunfall vor vielen Jahren und hadert deshalb mit dem übermächtigen Vater und dem Schicksal, was sie (wie originell) mit Essensverweigerung der Umwelt kundtun will. Der Autor kann sich nicht entscheiden, ob die Dame nun von Magersucht oder Bulemie gebeutelt ist. Da sie nach seiner Beschreibung Größe 38 trägt, ist zudem davon auszugehen, dass der Autor sich mit Frauen nicht besonders gut auskennt. (Wer mit Größe 38 magersüchtig ist, muss 2,20 m groß sein.) Auch von jugendlicher Cliquenbildung hat er wenig Ahnung, denn anders als an jeder beliebigen weiterführenden Schule in Deutschland zu beobachten, ist in Italien die Magersüchtige die Außenseiterin. (So von wegen wer Pasta nicht mag, kann auch nix sein oder so.)

Diese ganzen Merkwürdigkeiten sind aber noch nichts im Vergleich zum männlichen Helden, einem Superbrain, der seine debile Zwillingsschwester leider vor Jahren in einem Park ausgesetzt hat und nun (welch Bild) seinen Schuldgefühlen durch Ritzen zu entkommen sucht. Das fällt selbstredend den Eltern nie auf, nur seinem Banknachbarn, der – natürlich – schwul ist und dem Superbrain deshalb auf Schritt und Tritt folgt. Der gerät nun seinerseits in die Fänge der inzwischen zur Anführerin der Mädchenclique aufgestiegenen Magerbraut – und peng, sie sind füreinander bestimmt. Das wird der Autor nicht müde zu behaupten, nur leider merkt der Leser davon nix.

Die Krönung der Pellkartoffel ist, dass Magerbraut schließlich einen Arzt (!!!) ehelicht, der drei Ehejahre lang weder merkt, dass sie zu wenig Kalorien zu sich nimmt noch sich am Umstand stößt, dass aufgrund des gestörten Zyklus’ auch die innerfamiliäre Fortpflanzung nicht glücken will. (So einen Arzt würde ich ja nicht mal meine Krankschreibung unterzeichnen lassen.) Von den ganzen unsäglichen Ausführungen zu Primzahlen (angelesen in Wikipedia) mal ganz zu schweigen.

Kurz und schlecht: Wieso dieses Buch mit Preisen überhäuft und in 26 Sprachen übersetzt wurde, möchte ich gern mal wissen. Und zwar ernsthaft, denn das Rezept scheint die Lizenz zum Geld drucken. Zum Lesen ist das Buch jedoch wirklich nicht zu empfehlen.

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Just kids

Weil intelligent geschriebene „Pageturner“ selten und im Deutschen mit dem Wort „Schmöker“ auch nicht gerade positiv besetzt sind, will ich an dieser Stelle für mein aktuelles Lieblingsbuch werben.

„Just kids“ erzählt die Geschichte von Patti Smith und Robert Mapplethorpe, die sich in ihrer teilweise irren Liebe zur Kunst im New York der späten Sechziger zusammen tun und unter zum Teil elenden Bedingungen stets an ihren Ruhm glauben. Was ihnen in den Siebzigern schließlich zum Durchbruch verhilft und beide zu Ikonen der Popkultur werden lässt.

Just kids

Man erfährt in „Just kids“ viel über die wilden Zeiten der Stadt, die man sich im Angesicht der (Achtung: subjektiv) gähnenden Langeweile am Times Square des 21. Jahrhunderts irgendwie gar nicht mehr vorstellen kann. Durch die Straßen von Lower Manhattan fliegen die Kugeln, Andy Warhol kreiert in einem Diner ein neues Versailles, und Allen Ginsberg rettet Patti Smith vor dem Verhungern, auch wenn er das Sandwich aus einem Missverständnis heraus kauft.

Außerdem ist „Just Kids“ einfach eine hinreißende Liebesgeschichte, auch wenn der deutsche Untertitel verquast von „Geschichte einer Freundschaft“ faselt. Wahrscheinlich weil dem Leser aus Verlagssicht nicht zuzumuten ist, dass nicht jede Liebe im Reihenhaus mit zwei Kindern und einem Golden Retriever enden muss, um wahrhaftig und wirklich zu sein.

Jedenfalls ist das Buch anrührend, erheiternd, erhellend und einfach wunderbar zu lesen, nicht nur für Leute, die New York kennen und lieben. (Die bekommen aber mit jeder Seite ein Extrabonbon, denn so hat man die Stadt noch nie zwischen zwei Buchdeckeln erlebt.) Geweint wird auch. Patti Smith erhielt für „Just kids“ sehr verdient im letzten Jahr den National Book Award. Nicht verpassen!

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tschick

Es mag sich für normale Menschen sicherlich merkwürdig anhören: Ich kaufe leidenschaftlich gern Bücher. Aber ich lese nicht gern. Also zumindest im Alltag nicht. Denn irgendwie fehlt mir persönlich nach einem Abend voller „wenn du nicht sofort ins Bett gehst, dann“ Gedonner einfach die Kraft dazu. Mehr als ein paar Runden Klatsch und Tratsch aus der virtuellen Forenwelt raussaugen („Meine Schwiegermutter ist ein Monster“ oder „Ich führe ein Doppelleben“) geht einfach nicht in meinen Kopf, vor allem nicht, wenn ich es mir in irgendeiner Form gemütlich mache. Das heißt dann „Ich ruh mich mal kurz aus“, was für den Göttergatten das Signal ist, irgendwann die Brille auf meiner Nase sicherzustellen. Nun ja.

Das Hauptproblem ist aber, dass ich von der Schreibtaktik der meisten deutschen Autoren (Leser auf den ersten 100 Seiten rösten, nur wer es durchhält, verdient ab da ein gescheites Buch) in die Kategorie „unwürdig“ eingeteilt werde. Und dass das, was in den Buchhandlungen ganz groß angepriesen wird auf Sondertischen als der „Bestseller des Jahres“ mich meistens leider genauso langweilt, was ich dann erst am Schluss des Buches merke und mich richtig in Rage bringt, denn schließlich ist die Zeit trotzdem weg.

Jetzt habe ich aber ein Buch gelesen, das wahrscheinlich in zehn Jahren als der Hermann Hesse Roman des 21. Jahrhunderts in keiner Pennälertasche fehlen wird. Ja, und man kann es lesen, man kann darin versinken, man kann sich ausschütten – und dann kann man nochmal von vorn anfangen und es ist ganz genauso schön. Wer sein Budget fürs Zweitbuch noch nicht angewendet hat, kommt hier genauso auf seine Kosten wie der passionierte Bücherwurm. Von daher liebe Leute…

… kaufen, lesen und ab durch die Provinz!

Mehr zum Autor unter http://www.wolfgang-herrndorf.de/

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