Archiv der Kategorie: Kommunikation

Berliner Sommer: Radio Eins Parkfest

Wen der Berliner “umsonst & draußen” hört, kann auch Zwölftonmusik erklingen: Er ist dabei, rain or shine. Kein Wunder also, dass das Radio Eins Parkfest im Park am Gleisdreieck nicht viel Werbung braucht – Kino, Lesungen, Konzerte und natürlich Radio live, für lau, welcher Berliner kann da widerstehen? Zumal wenn es Bier gibt. Und Glück. Für alle. In orange.

Berlin Parkfest Radio Eins

Das Gleisdreieck war mal genau das, was der Name sagt: Nämlich ein ziemlich hässlicher Wust aus Gleisen. Nachdem der Berliner das tat, was er am besten kann, nämlich protestieren, konnte der Park dann doch nach gefühlten zwei Jahrhunderten vollendet werden. Und er ist toll geworden. So toll, dass bei schönem Wetter trotz enormer Freiflächen mitunter das Grün auf der Wiese kaum zu sehen ist.

Berlin Park GleisdreieckBerlin Park GleisdreieckBerlin Park GleisdreieckBerlin Park GleisdreieckBerlin Park GleisdreieckBerlin Park Gleisdreieck

Deshalb lädt Radio Eins (Slogan: “Nur für Erwachsene”) jetzt jedes Jahr im Sommer zum Parkfest ein. Ein Event, das niemand verpassen sollte. Und niemand verpasst. Tout Schöneberg/ Kreuzberg vollzählig angetreten. Was mitunter gewisse Herausforderungen für die Veranstalter mit sich bringt. Denn anders als in Friedrichshain, Mitte oder Neukölln sind die Schöneberger doch eher verhalten in ihrer Euphorie. Understatement ist Pflicht. Weshalb Joe Hatchiban vom Mauerpark-Karaoke bei seinem Gastspiel wohl zum ersten Mal in seiner Karriere als Berliner Karaoke-Kaiser mit dem Umstand konfrontiert war, die Sänger/-innen nicht für Geld und gute Worte auf die Bühne zu bringen. (Im Mauerpark ist es umgekehrt: Die wollen nie wieder runter.) Am Ende blieb ihm nur, als Kindergärtner mit Mikrofon “The Voice Kids” nachzuspielen.

Berlin Gleisdreieck Parkfest Radio Eins 

Der Schöneberger staunt derweil etwas stumpf in sich hinein und bleibt einfach sitzen. Denn beim Parkfest kommt das neue Glück im Zweistundentakt.

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Manchmal dauert es auch 20 Stunden. Doch das Warten lohnt, befinden die Herren im Bunde. Wenn die Hohepriester des Pennälerhumors aka Jan Böhmermann und Olli Schulz einladen, kommt Bewegung in die Berliner Low Key Mentalität. Es wird gedrängelt, geschubst und geboxt, um die Helden der Sendung “sanft & sorgfältig” zu sehen. “Frauen waren auch dabei”, vermeldete der Göttergatte hinterher triumphierend. Meine Meinung: Entweder haben sie ihren Typen gerade letzte Woche kennengelernt und machen noch alles mit oder sie kommen aus Straussberg und finden alles, was in Berlin so stattfindet, einfach “voll krass”.

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Ich finde es höchstens voll krass, wie man zwei Stunden unstrukturiert, frei Schnauze und stetig abschweifend über all die Dinge reden kann, die einem bei “sanft & sorgfältig” so spontan in den Sinn kommen. (Mein Fazit nach zwei Stunden Zuhörens aus der Ferne: Es gibt Körperflüssigkeiten, von denen wahrscheinlich Dr. Sommer noch nie was gehört hat. Gut, dass an meinem Hörplatz auf der Wiese nicht alles so genau zu verfolgen war.) Vorgetragen von zwei mittelalten Männern, die so tun als seien sie 17, hat das offenbar so viel Überzeugungskraft, dass die Herren inzwischen jeden Sonntag deutschlandweit auf Sendung sind. Die gute Nachricht: Wer Hetero-Männer am Sonntag mal zwei Stunden sich selbst überlassen muss, hat mit Böhmermann & Schulz die perfekten Babysitter. Die schlechte: Man sollte selbst was anderes vorhaben. Koste es was es wolle.

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Zumindest ihrem Publikum zugewandt sind sie: Nach der Show unterhielten sie sich noch fast eine Stunde mit ihren Fans am Zaun.

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Ich werte, also bin ich

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Bewertungsportalen aller Art. Kein Bleistift kommt mir ins Haus, ohne dass ich nicht wenigstens versucht habe, irgendwo im Netz eine „Kundenmeinung“ dazu aufzutun. Was meine ohnehin vergleichsweise sparsam entwickelten Shopping-Ambitionen zudem im Zaume hält: Denn vor dem Lustkauf dieses sicherlich sehr nützlichen Elektrokleinteils im Angebot steht die Recherche. Und da ich mit meinem Telefon nicht mal telefonieren kann, wie man weiß, geht das nur old school, also zu Hause. Wo ich folgerichtig mit leeren Taschen ankomme. Und mit vollem Portemonnaie.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich dann doch einmal gekaufte Dinge auch stets bewerte: Wahlweise euphorisch (wenn sie funktionieren wie erwartet) oder vernichtend (wenn meine schöne Recherche für die Katz war.) Genauso verfahre ich mit Dienstleistern aller Art. Wenn sich der Weg zum mühsam ermittelten besten Döner Berlins gelohnt hat, gibt es volle Punktzahl. Wenn der Arzt, den ich nach Zufallsprinzip ausgesucht habe, mir nicht das Ohr abschneidet aus Versehen, auch. Die Abstufungen dazwischen sind klar definiert: Drei von fünf Punkten heißt bei mir: Ok für manche, aber für mich lieber nicht noch mal.

Nun gibt es Zeitgenossen, die vorgehen wie der von allen gehasste Physiklehrer in der Schule, der auch dem Klassenbesten eine Zwei gibt, „damit noch Luft nach oben ist“. (Und sich wahrscheinlich zu Hause einen Ast abfreut, wie pädagogisch clever er doch wieder ist.) Da wird ein Buch über den grünen Klee gelobt, man habe sich sehr amüsiert und könne das Buch durchweg empfehlen: Drei Punkte von fünf. Oder ein Fotostudio wird gepriesen für die tollen Fotos, die nette Betreuung, das kostenlose Foto als Zugabe: Vier Punkte. Natürlich kann man sagen, wurscht, der Text steht doch da. Aber leider schreit einen ja immer erst mal ein Durchschnittswert an. Und wer hat schon Zeit und Lust, alle 133 Bewertungen zu einem Angebot auf Divergenz von Inhalt und Wertung hin zu prüfen? Wenn ich nicht gerade das Hotel für meine Flitterwochen buchen will, interessiert mich das eher nicht.

Was treibt also Menschen dazu, einen Imbiss, in dem sie gerade den besten Döner der Stadt verputzen, noch während des Mampfens per smartphone (haha) dafür zu kritisieren, dass man da nicht schön sitzt, wenn man mit Freunden mal abhängen will? Oder die an einem Sternelokal nicht die Küche, sondern die Preise kritisieren. Oder manchmal nicht mal das, sondern einfach so drei Sterne hinhauen, weil „für jeden Tag ist das nichts“?

Noch undurchsichtiger sind allerdings die Kollegen (ja, es sind eigentlich immer Männer), die in Onlinewarenhäusern bei der Produktbewertung ausschließlich Liefertempo und Verpackungsqualität des Versenders analysieren. „Zu diesem Staubsauger kann ich nichts sagen, denn ich habe ihn gerade ausgepackt. Die Verpackung war super wie immer, und das Paket kam sehr schnell. Leider war ich erstmal nicht zu Hause und musste dann noch mal zur Post.“ (Was – logisch – zu mindestens zwei Punkten Abzug für den Staubsauger führt.) Sehr lustig fand ich neulich auch die Mädchenclique, die sich über ein Restaurant beschwerte, es stelle auf der Webseite Brunchbestandteile dar, die es dann doch nicht gegeben hat. „Nicht dass wir nichts Leckeres gefunden haben, aber wir haben uns auf xy gefreut.“

Lieber Herrgott, mach dass ich im nächsten Leben nicht als Dienstleister wiederkomme.

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Surfen mit Filter

Das Internet bietet vielerlei Gelegenheit, sein Leben zwischen Bits, Bites und Backrezepten zu vertändeln.

Wer gern gut informiert ist über das Weltgeschehen und keine Lust hat, sich auf Dutzenden Zeitungs- und Magazinseiten die immergleichen Agenturmeldungen zu Gemüte zu führen, dem helfen Seiten wie Commentarist, wo tagesaktuelle Kommentare und Kolumnen zu aktuellen Nachrichten gesammelt und nach Themen, Autoren und Medium sortiert zu durchsurfen sind. Man kann den Lieblingsjournalisten auch abonnieren. (Was bei humorigen und also nicht regelmäßig erscheinenden Kolumnen ja ein schöner Fang im Tagesnetz sein kann.)

Falls man die einschlägigen Tummelplätze der Edelfedern als zu großformatig für die U-Bahn-Fahrt aussortiert hat, der Perlentaucher fasst alles schön zum Überfliegen (oder Schnelltauchen) zusammen. Und so wird man doch noch klüger mit dem Netz, wenn es schon mit den exklusiven Backrezepten in der Praxis nix wird.

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Am Telefon mit Gaddafi

Über meinen Mobilfunkanbieter habe ich mich bereits ausführlich ausgelassen. Leider scheine ich in der Wahl meiner Telekommunikationsanbieter grundlegend etwas falsch zu machen. Denn nicht nur, dass ich die gesamte letzte Woche mobilfunktechnisch praktisch von der Außenwelt abgeschnitten war (sieht man von der Möglichkeit ab, bei Minusgraden mit dem Handy auf den Balkon zu gehen), nein, auch mein Festnetzanbieter lässt sich einiges einfallen, um mein Leben, äh, ereignisreicher zu machen. In dieser Woche konnte ich Nummer a nicht benutzen, weil, wie übrigens schon seit Wochen, ein feines Grundrauschen dem Gespräch unterliegt, das gelegentlich – aber eigentlich selten – die Sprechgeräusche am anderen Ende der Leitung übertönt. Außenstehende behaupten hartnäckig, davon Kopfschmerzen zu bekommen, aber hey, man gewöhnt sich an alles, ruft mich doch einfach öfter mal an. Aber bitte nicht auf Nummer b, denn da hört ihr nur den Satz: “Diese Nummer ist nicht vergeben.” Tja. Wahrscheinlich sollte man da mal anrufen, haha.

Doch wahrscheinlich ist die Service-Hotline gerade eh überlastet, weil so viele Kunden Abstand von dem ihnen zuteil werdenden, ohnehin nicht sonderlich zuverlässigen Service nehmen wollen. Denn irgendwann stellt sich die Frage: Was in aller Welt können die überhaupt. Diese Firma hat sich nämlich in Deutschland mit einer langbeinigen blonden Dame als “Gesicht der Firma” etabliert, die sinnigerweise in der Öffentlichkeit den Namen des Telefonanbieters führt. Da sieht man mal, was dabei rauskommt, wenn man wie die Brigitte auf “ganz normale Frauen” als Models setzt anstatt auf Profis. Die Dame ist nämlich nicht nur ziemlich blond, sondern wusste ihre Reize offenbar auch dem Gaddafi-Clan anzudienen. Nachdem dieser samt Fast-Schwiegerpapa nun auf das Unangenehmste ins Licht der Öffentlichkeit gelangte, hielt man es bei ihrem Arbeitgeber nicht vonnöten, ihr einen PR-Profi zur Seite zu stellen. Also plauderte die Dame munter in bunten Blättchen aus dem schwiegerfamiliären Nähkästchen, Gaddafi war doch eigentlich ganz nett am Frühstückstisch und so weiter. Arbeitgeber fordert daraufhin öffentliche Entschuldigung – was an sich ja schon hanebüchen ist, weil der geneigte Kunde da schon längst mehr weiß, als er je wissen wollte. Nämlich dass sein Telefonanbieter nicht nur von Telekommunikation, sondern auch von anderweitiger Kommunikation ziemlich wenig Ahnung hat. Was egal wäre, wenn es mit Punkt Eins klappen würde, nämlich einer funktionierenden Telefonleitung für Otto Normalkunde zu jeder Tages- und Nachtzeit. Aber leider hört man dazu am anderen Ende der Service-Hotline dann zum gefühlt 300. Mal: “Das muss an Ihrem Router liegen. Wir haben da aber gerade ein Angebot…”

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