Zeitreise: Trans Europa Express (TEE)

Trans Europ Express (TEE)

Es ist nie zu spät, seinen Wortschatz zu erweitern. So lernte ich am Samstag das Wort “Pufferküsser” – der mir etwas despektierlich erscheinende Ausdruck ist offenbar der Fachbegriff für überdurchschnittlich engagierte Eisenbahnfans. Die hatten an diesem Wochenende in Berlin viel Gelegenheit, ihre Fotoapparate zu zücken auf einer Zeitreise der Bahn. Anlass gab die Einfahrt des Trans Europa Expresses (TEE), den die Deutsche Bahn Stiftung anlässlich ihres Tages der Bahnhofsmission vom Ostbahnhof über Hauptbahnhof nach Potsdam und zurück über Wannsee rollen ließ.

Tag der Bahnhofsmission Berlin

Bis 1991 rollte der Trans Europ Express noch durchs Land, erst nur im Westen, dann auch im Osten, stets 1. Klasse – doch nicht immer rauchfrei, wie das Kind entsetzt bemerkt.

Trans Europ Express (TEE)

Und so gibt es auf dieser Zeitreise wirklich vieles zu erklären: Ich komme mir vor wie damals meine Oma, die uns zu unserer Belustigung von der Kutsche erzählte, mit welcher sich der örtliche Spielzeugfabrikant jeden Sonntag in die Kirche bringen ließ. Also, liebe Kinder, das ist ein Aschenbecher. Im Abteil. In der Lehne. Ja, ich habe die Zeiten noch gesehen, als man den Nachbarn im Zug mit der Zigarette terrorisieren durfte. (So lange her, dass es mir erst in diesem Zug wieder eingefallen ist.)

Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)

Diese Sonderfahrt hat jedoch noch mehr zu bieten. Nicht nur den Aschenbecher in der Nasszelle des Kanzlerwagens, der dem Vernehmen nach von Altkanzler Helmut Schmidt auf seinen Fahrten durchs Land vollgeascht wurde. (Den der Urberliner – als Kind der alten Bundesrepublik – natürlich gleich ganz genau begutachten muss.)

Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)

Ich lerne auch eine Dame kennen, die einst als Zugsekretärin im TEE ihr Büro hatte. Bis 1982 gab es diesen Beruf, 60 Kolleginnen seien es zuletzt insgesamt gewesen, berichtet sie. In Zeiten ohne Smartphone offerierten sie nicht nur Telefonvermittlung und Schreibdienste in ihrem Abteil, sondern vertrieben den Reisenden auch mit einem Schwatz die Zeit. Die Zugsekretärin a.D. erzählt dann noch von ihrem Lieblingskunden: Nämlich Fritz Walter. Der habe ihr aus dem Speisewagen stets einen Piccolo vorausgeschickt, als Signal, das er an Bord sei. “Ein wirklich charmanter Mann.”

Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)

Während ich mit den Eisenbahnfans auf Fotosafari gehe, kommen Erinnerungen an meine eigene Zugvergangenheit mit der Reichsbahn zurück – sooo viel anders sah es damals auch nicht aus. Was an die Situation erinnert, wenn sich Westdeutsche über Fotos aus DDR-Diskotheken der 80er ausschütten: Ganz so, als habe Vokuhila mit Dreiwetter-Taft besser ausgesehen.

Trans Europ Express (TEE)

Am Ende darf das Schlaubergerkind dem Lokführer noch mal Guten Tag sagen – ich glaube, die Pufferküsser müssen sich vor dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel bestimmt nicht fürchten. Bahn sei dank.

Trans Europ Express (TEE)Trans Europ Express (TEE)

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3 Gedanken zu „Zeitreise: Trans Europa Express (TEE)

  1. J sagt:

    Schöner Zug der Bahn. Ich hab ihn von unten gesehen, als ich drunter wegradelte. Hätte ich geahnt, dass auch Normalsterbliche (Verzeihung!) damit fahren dürfen, wär ich glatt umgestiegen. So geniesse ich das Bildwerk.

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  2. da fällt mir gleich Kraftwerk ein. TRANS EUROPA EXPRESS. Toller Beitrag. Suuper Fotos

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