Wir lieben lebensmittel

Das ist der aktuelle Slogan einer Supermarktkette, die in Laufnähe meiner Wohnung in einem Miniatur-Einkaufszentrum einen größeren Laden betreibt. In den dazugehörigen Spots präsentieren sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als Gedankenleser und reichen dem Kunden das Gewünschte im Affentempo. Leider arbeiten diese Damen und Herren alle woanders. (Wahrscheinlich hat Deutschlands bekanntester Discounter sie abgeworben, als er eine Etage unter den Lebensmittelfreunden eine Filiale geöffnet hat.) Deshalb betrete ich die Zweigstelle nur, wenn ich übermäßig viel Zeit habe oder sonst keine andere Möglichkeit sehe, an eine bestimmte Ware zu kommen. Das scheinen viele so zu handhaben, denn meistens hat die Kundschaft hier nur die Zutaten zu einem Single-Abendbrot oder wahlweise zu einem preisgünstigen alkoholischen Imbiss im Korb. Wocheneinkäufe machen hier nur ältere Damen, denen das Tempo der Kassiererinnen bei Deutschlands bekanntestem Discounter zu hoch ist.

Einkaufswagen Das Tempo der Lebensmittelfreunde jedenfalls ist mit gemächlich noch euphorisch beschrieben. Fünf Leute vor dir bedeuten locker 15 Minuten Wartezeit – ein Einkaufserlebnis in Zeitlupe. Umgerechnet auf den mit den Kleinstmengen im Wagen der Kundschaft zu erzielenden Umsatz ist das wohl die ineffizienteste Filiale des Konzerns. Wer nun dahinter eine nachbarschaftliche Wohlfühloase vermutet, wo die Kassiererin dich beim Namen kennt, der irrt: In keinem Laden im Kiez wird der Kunde so zusammengebellt. Oder wahlweise ignoriert. Gern zieht man das Marmeladenglas auch zweimal durch den Scanner, was kurios ist, denn wenn es nur drei Posten auf dem Kassenzettel sein dürften, ist das wohl eine neue Stufe von Dummenfang. Entschuldigungen sind ohnehin kein Teil des Firmenkonzepts, man würde sich als Kunde auch hüten, denn Nachfragen gehen auf Kosten der vier anderen Leute hinter dir.

Das Beste an diesem Laden ist aber sein Flaschenpfandrückgabesystem. Dafür wurden eigens zwei Automaten angeschafft, in das man sein Leergut einlegen kann und im Anschluss einen Zettel zieht, den man dem Kassenpersonal zur Verrechnung unter die Nase hält. So weit, so kompliziert. (Aber wenigstens eine Erklärung dafür, warum die ortsansässige Trinkerbrigade trotz der Preise sich hier mit Biernachschub bestückt.)  Leider nimmt einer der Automaten ausschließlich Einwegpfandflaschen an. Was die Schlange am anderen Automaten schon mal zur Blockade des Backwarenstandes ausufern lässt. Wenigstens erhält man so die Gelegenheit, in aller Ruhe die Tafel der Besten zu studieren, auf der monatlich die herausragenden Fachkräfte der Fleischtheke oder der Molkereiabteilung mit Foto gelobt werden für ihre Kundenorientierung.

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