Ausflug nach Mittelstadt

Weil ich weder in Berlin noch in der westdeutschen Provinz geboren bin, habe ich kein Problem, diese Stadt immer mal wieder zu verlassen. Ersterer Gruppe mag man das verzeihen, denn sie zeigt bis heute Inselsyndrome und bekommt schon an einer S-Bahn-Haltestelle außerhalb des Innenstadtringes Atembeschwerden (wirklich!). Mein angetrauter Urberliner fragte seine Kollegen vor seiner ersten Reise, die nicht ins Ausland, sondern nach Deutschland führte, wie die Versorgungslage da so sei, ob man sich was mitnehmen müsse…

Viel schwerer wiegt der Fall bei den Zugereisten, und zwar denen aus Städtchen und dünn besiedelten Ortschaften in der westdeutschen Provinz. Denn das Phänomen habe ich noch nie bei Residenzberlinern aus Köln oder Dresden beobachtet, und selbst Zugereiste aus der Uckermark oder aus der Lausitz haben kein Problem damit, die deutsche Hauptstadt immer wieder zu verlassen. Der im ländlichen Schleswig-Holstein oder im Sauerland geborene jedoch wird tausend Gründe finden, warum es gerade absolut vollkommen uncool ist, irgendwo hinzufahren, wo nicht Berlin ist und auch nicht New York, Indien oder die Kanaren. Weil man ist ja jetzt Berliner und so weiter, und da man das ja erst seit kurzem ist, fürchtet man wohl Probleme, dass die frisch gewonnene Kreuzberger Coolness bei Mutti und Vati auf dem Schutzbezug der Blümchencouch im heimischen Wohnzimmer kleben bleibt.

Aber wie gesagt, betrifft mich alles nicht, und so hatte ich am Wochenende das ausgesprochene Vergnügen, bei allerschönstem Wetter einen Ausflug in eine deutsche Mittelstadt zu machen. Und zwar Kassel. Wer jetzt denkt, das ist ja wie Hannover, nur schlimmer, der liegt ganz und gar falsch. Denn Kassel hat das, was man Flair nennt, was hauptsächlich daran liegt, dass hier niemand mehr sein will als er ist und die Stadt an keiner Stelle etwas vorgaukelt, was sie dann nicht halten kann. Down to earth, wie man im Englischen sagt, und das im besten Wortsinn, etwas grob, aber niemals falsch, die herzlich-ehrliche Eckkneipenwirtin in Kittelschürze, sozusagen. (Also eigentlich genau wie Berlin, wenn man da ist, wo der echte Berliner zu Hause ist.) Dazu gepflegtes Grün soweit das Auge reicht und ein gutes Kinoprogramm – was will man mehr. Natürlich sieht es hier nicht aus wie in Rothenburg ob der Tauber, aber wenn man das sehen will, fährt man halt da hin.

Aber ich war ja in Kassel, und das war auch gut so, denn es gibt allerhand zu entdecken. Zum Beispiel kann man in Kassel Deutschlands erste Fußgängerzone bestaunen, nämlich die Kasseler Treppenstraße.

Die Treppenstraße wurde am 9. November (!!) 1953 eröffnet und dank Denkmalschutz fühlt man sich zurück in die 50er gebeamt. Leuchtreklame inklusive.

Ansonsten habe ich mir angesehen, was dabei herauskommt, wenn deutsche Beamtenkinder den Aufstand planen und sich als größtmöglichen Schocker ausdenken, die Eltern mit einer Karriere als Mitglied der Boheme zu konfrontieren. Vulgo: Einem Studium an der Kunsthochschule Kassel, die in Kassel aus einem unerfindlichen Grund die „Kunstuni“ genannt wird. Wobei dieser niedliche Ausdruck wieder sehr passend ist, denn wie ich in der Jahresabschluss-Präsentation der Videoklasse lernen musste, sieht der Kasseler Bohemekandidat seine Mission erfüllt, solange die Haarpracht nur bescheuert genug aussieht. Man nehme noch ein paar manirierte Handbewegungen (alternativ stricken vor laufender Kamera zur Beruhigung der männlichen Nerven) und ein paar Sprüche aus der Reihe „Ich habe in diesem Jahr geliebt, gelacht, geweint, gescherzt, gejagt, gefiebert“ (es ging fünf Minuten so weiter) und man hat dem geneigten Besucher den perfekten Fremdschämcocktail gemixt.

Zum Glück gab es zwischen allerhand verschwurbelten „Ich will aber Künstlerin sein, menno“-Ausstellungsstücken auch ein paar wirklich ernsthafte Arbeiten zu sehen.

Zum Beispiel die Arbeit „Muttermal“, die „poetische Auseinandersetzung mit meiner Integration“ von Anna Roquai, von der ich hier leider mangels Material nur die zentrale Collage zeigen kann. Es handelt sich um ein Faltbuch mit Zeichnungen, Collagen und Texten, das zu einem Plakat aufgeklappt werden kann.

Muttermal

Muttermal

Oder die Gruppenarbeit „Es ist ein Kochbuch“, ebenfalls unter Beteiligung von Anna Roquai. Die Jahrespräsentation innerhalb der Illustrationsklasse setzt sich mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Identität, Erinnerung und Heimat auf praktische (und nebenbei auch schön anzusehende Weise) auseinander.

Hier die Umsetzung von Anna Roquai zu einem Rezept für Borschtsch, der russisch-ukrainischen Kohlsuppe, die nach dem Ende der Sowjetunion in allen ehemaligen Republiken sozusagen der Udo Jürgens der Küche ist – einfach nicht mehr wegzudenken.

Kochbuch Katalog Rungang

Es ist ein Kochbuch

Ein anderer Name, den man sich merken muss, ist Julia Bavyka. Leider ist ihre Installation einer Banja nicht im Katalog abgebildet, und ich habe kein Foto gemacht. Auch sie beschäftigt sich mit der Frage nach Heimat, wie man sie verliert, wie man eine neue gewinnt und was man mit den weißen Stellen im Kopf anfangen kann, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Auch gefallen hat mir die Installation einer übergroßen Seebrücke aus rohem Holz, auf der ein winziger Mann aus Gips mit asiatischen Zügen steht und hinaus ins Nichts starrt. Auf einem Tischchen neben der Brücke liegt ein Fotobuch mit Aufnahmen vom Meer. Mal tosend, mal mit Sonnenuntergang, mal im Nebel. Was nicht dort stand war der Name des Künstlers, und den Weg in den Katalog hat die Arbeit leider auch nicht gefunden. Weshalb ich es hier trotzdem mal erwähne, vielleicht liest es ja jemand, der mich und die Netzwelt erhellen kann. Denn was großartig ist, soll man auch zeigen. Nicht nur in Kassel.

Quelle: Alle hier gezeigten Arbeiten kann man im virtuellen Katalog des Rundgangs der Kunsthochschule Kassel finden und sich seine Wunschwerke auch zu einem eigenen Katalog zusammenstellen und drucken lassen.

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2 Gedanken zu „Ausflug nach Mittelstadt

  1. Daniela sagt:

    Ich hab gerade ordentlich gelacht, sowohl über deine Beschreibung der Berliner als auch über die Kunstuni und über Kassel. Ach ist das schön, Dinge die man schon ewig kennt, mal aus den Augen anderer zu sehen.

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